Bundesrat lässt die Studierenden endgültig im Stich

Der Bundesrat hat heute die Botschaft zur Totalrevision des Ausbildungsbeitragsgesetzes dem Parlament überwiesen. Das neue Gesetz beinhaltet nichts weiter als einen Verweis auf die Bestimmungen des EDK-Stipendien-Konkordates. Obwohl der Bundesrat den dringenden Verbesserungsbedarf im Stipendienwesen anerkennt, hat er es verpasst, eigene Lösungen zu entwickeln. Wieder einmal nimmt die Landesregierung ihre Verantwortung für die Chancengleichheit in der Tertiärbildung nicht wahr. Es liegt nun am Parlament, diese Aufgabe zu übernehmen und für ein chancengleiches Stipendienwesen zu sorgen.

Der VSS freut sich über den Willen des Bundesrates, die Situation zu verbessern. Der vorgeschlagene Lösungsansatz ist jedoch ungenügend: Zur Förderung der Harmonisierung des Stipendienwesens will er auf die Artikel des Stipendienkonkordats verweisen statt eine Regelung auf Bundesebene vorzusehen. Der Bundesrat überlässt es den Kantonen, zu entscheiden, ob und wie sie harmonisieren wollen. Eine eigentliche Harmonisierung wird durch das Konkordat nicht gewährleistet, weil es nur zu einer formellen Harmonisierung verpflichtet. Ohne materielle Harmonisierung wird sich an der ungerechten Verteilung der Bildungschancen nicht viel ändern.

Dies scheint dem Bundesrat gerade recht zu sein. Schliesslich deutet er in seiner Botschaft an, dass die Stipendieninitiative des VSS ein Ansteigen der Studierendenquote bedeuten könnte, die aufgrund der höheren Kosten problematisch sei. Der Bundesrat will also weiterhin in Kauf nehmen, dass eine sozioökonomische Selektion bestehen bleibt und es auch längerfristig auf die finanziellen Möglichkeiten und auf den Bildungsstand der Eltern ankommt, ob jemand eine Tertiärbildung in Angriff nehmen kann oder nicht. Manuela Hugentobler, Vorstandsmitglied des VSS, sagt dazu: „Der Gegenvorschlag des Bundesrates bestätigt die Notwendigkeit der Anliegen der Stipendieninitiative. Ein chancengleiches Stipendiensystem kann er damit aber nicht gewährleisten.“

Der Verweis auf das Konkordat ist auch juristisch unklar und widerspricht dem Prinzip der Demokratie: Die Bundesversammlung kann keinen Einfluss mehr auf die Ausgestaltung der Harmonisierung nehmen sondern nur noch die kantonale Regelung akzeptieren oder verwerfen.

Der VSS appelliert an die Bundesversammlung, sich diesen Kompetenzentzug nicht gefallen zu lassen und die  Missstände im Stipendienwesen umgehend zu beheben. Die Stipendieninitiaitive ist die einzige Möglichkeit, die dringend notwendige materielle Harmonisierung im Sinne der Chancengleichheit anzugehen. Es ist Zeit, dass die Politik Verantwortung übernimmt – weil Ausbildung Zukunft schafft!

Für weitere Informationen:

Manuela Hugentobler, Vorstandsmitglied
078 696 08 09

Mélanie Glayre, Vorstandsmitglied
078 779 84 67

Annina Grob, Generalsekretärin
079 785 06 14

Horizontale Segregation

Rund die Hälfte der Studierenden an den Schweizer Hochschulen sind Frauen*. Dennoch herrscht an den Schweizer Hochschulen ein grosses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechteranteilen innerhalb zahlreicher Studiengänge wie zum Beispiel Mathematik, Veterinärmedizin oder Ingenieurwesen. So studieren beispielsweise in der Schweiz rund 75% Frauen* Sprach- und Literaturwissenschaften, aber nur 13% Informatik an einer universitären Hochschule sowie rund 91% Männer* im Bereich IT und Technik an einer Fachhochschule, aber nur 14% im Bereich Gesundheit.[1]

Die Ursachen für die horizontale Segregation sind vielfältig und komplex und betreffen sowohl Männer* wie Frauen*. Die Wahl des Studiengangs wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, unter anderem durch die Sozialisation, Stereotypen oder unterschiedliche Förderung. Aufgrund dieser Faktoren kann deshalb eine echte Wahlfreiheit des Studiengangs nicht garantiert werden. Stattdessen reproduziert die geschlechtsspezifische Studiengangswahl bestehenden Geschlechterverhältnisse, anstatt sie aufzubrechen.

Ziel sollte nicht eine gleichmässige Verteilung der Geschlechter* auf die Studiengänge sein – vielmehr soll die geschlechtsspezifische Studiengangswahl kritisch betrachtet und hinterfragt werden.

Die Commission d’Égalité (CodEg) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) hat im Juni 2013 die Fotokampagne „Folge deinen Neigungen – nicht den Geschlechtern“[2] auf Facebook lanciert. Im Folgenden finden sich nun ausführende Informationen zu diesem Thema.

Geschlechtsspezifische Studiengangswahl

Männer* interessieren sich für Mathe und Frauen* für Sprachen? Es ist ein gängiges Klischee,  dass sich Frauen* eher für Sprachen und Männer* eher für Naturwissenschaften interessieren und eignen – der Umkehrschluss liegt nahe, dass Männern* Sprachen nicht liegen und sich Frauen* mit Mathematik schwertun.

Es erstaunt deshalb nicht, dass sich dieses Bild auch an den Hochschulen abzeichnet: es sind mehr Frauen* in den Geisteswissenschaften zu finden, als in den MINT[3] Fächern. Die traditionellen Geschlechterrollen scheinen also auch an den Hochschulen fortgeschrieben zu werden[4] und das obwohl sich die Hochschulen als aufgeklärte Institutionen mit gesellschaftlicher Vorbildrolle verstehen.

Sozialisation

Durch bestimmte Sozialisationseinflüsse sind die Geschlechter mit einigen Bereichen vertrauter und mit anderen kaum. So besteht beispielsweise immer noch die Erwartung, dass Männer* für technische und mathematische Tätigkeiten geeigneter sind. Dies begünstigt schon im frühen Lebensalter die Ermutigung und Förderung in eben diesen Bereichen (so zum Beispiel mit Spielzeug). Auch in der Schule kann dieser Mechanismus festgestellt werden: Männer* werden eher in den naturwissenschaftlichen Fächern, Frauen* eher in den Geisteswissenschaften gefördert – dies aber unabhängig der Neigungen und Fähigkeiten. Die grössere Vertrautheit mit den jeweiligen Bereichen begünstigt eine Studiengangswahl in eben diesen. Gerade bei Frauen* kann festgestellt werden, dass sie sich einen naturwissenschaftlichen Studiengang eher weniger zutrauen als einen geisteswissenschaftlichen.

Weibliche Studiengänge?

Die spezifische Verteilung der Geschlechter* in den Studiengängen kann sogar so weit gehen, dass ein Studienfach als „weiblich*“ bzw. „männlich*“ bezeichnet wird und  deshalb Männer* und Frauen* vor einem als „weiblich*“ bzw. „männlich*“ bezeichneten Studiengang zurückschrecken können. Diese Bezeichnungen können letztendlich dazu führen, dass „weibliche*“ Studienfächer im Gegensatz zu „männlichen*“ Studienfächern abgewertet werden, wie dies auch in der Berufswelt beobachtet werden kann.[5] [6]

Vertikale Segregation

Der Zusammenhang der Horizontalen Segregation mit der vertikalen Segregation liegt auf der Hand. Studieren weniger Frauen* bzw. Männer* in einem Studiengang, ist auch der Pool an wissenschaftlichem Nachwuchs kleiner.[7] Die vertikale Segregation wirkt sich insofern auf die horizontale aus, indem es den Studierenden in vielen Studiengängen an Vorbildern und MentorInnen ihres eigenen Geschlechts* fehlt.

Geschlechterrollenzuschreibung

Auch innerhalb der Studierendenschaft lassen sich negative Auswirkung auf die/den EinzelneN feststellen. Zu den wenigen Männern* bzw. Frauen* in einem Studiengang zu gehören kann erstens grossen Mut erfordern und zweitens Auswirkungen auf die Geschlechterrollenzuschreibung haben. Mit dem sogenannten Token Status wird das Phänomen beschrieben, dass von Frauen* bzw. Männer*, die sich in der Minderheit befinden, die Erfüllung ihres jeweiligen Stereotyps erwartet wird. Sie können zunehmend in die stereotype Geschlechterrolle gedrängt werden, die ihnen nicht entsprechen muss.[8] Nimmt der Anteil der Männer* bzw. Frauen* zu, spiegelt sich das auch in der Diversität der Geschlechterrollen wider.

Fachkräftemangel

Die Auswirkungen der Horizontalen Segregation zeigen sich jedoch nicht nur an der Hochschule selbst, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt – und das gerade in einer Zeit, in der es an Fachkräften mangelt. Die Schweizer Wirtschaft klagt derzeitig über den sich abzeichnenden Fachkräftemangel insbesondere in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Auch die Personalverbände weisen je länger je mehr auf die durch Personalmangel hervorgerufenen Probleme im Gesundheitsbereich hin. Von Seiten der Kantone werden diverse Initiativen ergriffen, um dem LehrerInnenmangel entgegenzuwirken bzw. diesen zu verhindern. Analog zu den Hochschulen führt auch auf dem Arbeitsmarkt eine geschlechterspezifische Studienwahl zu einem kleineren Pool an Fachkräften bzw. das Potential von möglichen Fachkräften wird nicht vollständig ausgenutzt.

Massnahmen der Hochschulen

Mittlerweile wurde auch an den Hochschulen erkannt, dass der horizontalen Segregation Einhalt geboten werden muss. Viele Hochschulen organisieren Anlässe, um Frauen* und Männer* über „geschlechtsuntypische“ Studiengänge (so zum Beispiel im Rahmen der Zukunftstage) zu informieren. Gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel wird gezielt versucht Frauen* für ein MINT-Studium zu begeistern – die ETH Zürich hat sogar ein MINT-Spiel entwickeln lassen[9]. In Hinblick auf die Studienwahl schätzen die Hochschulen ihren eigenen Spielraum allerdings klein ein, da die Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Studiengang schon gefällt wurde bzw. kein Einfluss auf die durch die Gesellschaft sozialisierten Geschlechterrollen genommen werden kann. Es wird also in Kauf genommen, dass es sich bei der heutigen Studienwahl nicht um eine echte Wahlfreiheit handeln muss.

Die Commission d’Égalité (CodEg) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) setzt sich dafür ein, dass Wissenschaft und Forschung jedweder Studienfächer allen, unabhängig vom Geschlecht, zugänglich ist. Es geht nicht darum, dass ein möglichst ausgeglichener Geschlechteranteil erreicht wird, sondern darum, dass eine echte Wahlfreiheit in Bezug auf den Studiengang gewährleistet werden kann. Dies bedingt, dass die durch die Gesellschaft sozialisierten Geschlechterzuschreibungen überwunden werden müssen.

Dazu müssen die Fähigkeiten und Neigungen von Frauen* und Männern* erkannt und gefördert werden – dies auch in der Hochschule. Es bedarf zudem einer grösseren Sensibilisierung um geschlechtsspezifische Entscheidungen vorzubeugen und eines gemeinsamen Efforts von Öffentlichkeit, Bund, Kantonen, Hochschulen und Studierendenschaften, um die Situation verändern zu können.

 

[3] MINT Fächer ist eine Sammelbezeichnung für Studienfächer in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

[5] Siehe dazu: Heintz, Bettina: Ungleich unter Gleichen. Studien zur geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes. Frankfurt a.M.: 1997.

[6] Diese Abwertung eines Studiengangs kann analog zur Berufswelt auch weitere Einschränkungen vor allem für Frauen* nach sich ziehen. So kann beispielsweise analog zur schlechteren Entlöhnung in Bereichen, in denen mehr Frauen* arbeiten, auch auf die als «weiblich*» bezeichneten Studiengänge und ihre späteren Berufsfelder übertragen werden.

[7] Wird die vertikale Segregation näher betrachtet, zeigt sich aber, dass vor allem Professorinnen* auch wenn sie in einem Bereich mit vielen Studentinnen* forschen, untervertreten sind – so lehren und forschen in der Veterinärmedizin an der Universität Bern 25% Professorinnen*, obschon rund 80% Studentinnen* studieren. (http://www.rektorat.unibe.ch/unibe/rektorat/unistab/content/e362/e208065/e231691/e231693/20bPersonennachPersonalgruppenundGeschlecht2012.xls und http://www.rektorat.unibe.ch/unibe/rektorat/unistab/content/e362/e208065/e208066/e211273/4FrauenanteilStudierende2012.xls)

[8] Vergleiche dazu: http://www.nhh.no/files/filer/adm/personal/likestilling/mosskanter.pdf

Die Punkte als Dekoration

Punkte bekommt man im Computerspiel Tetris, an der Kasse in der Migros oder wenn man in Österreich eine rote Ampel überfährt. Und Punkte bekommt man seit 1999 auch wenn man studiert. In der Stadt Bologna wurde nämlich damals von den MinisterInnen aus 30 europäischen Ländern beschlossen, was die Studierenden von nun an jeden Tag begleiten sollte: Das European Credit Transfer System (ECTS). Auch bekannt als diejenigen 180 bzw. 120 Punkte, die man für den Abschluss als Bachelor bzw. Master erwerben muss und die schon seit Jahren von PolitikerInnen, ProfessorInnen und KommilitonInnen kritisiert werden. Dabei war die Idee hinter dem System durchaus verständlich. Denn bis 1999 hatte jedes europäische Land sein eigenes Hochschulsystem inklusive ziemlich unterschiedlichen Curricula, Notenstufen und Semesterzeiten. Einer der Lösungsansätze der MinisterInnen dafür war, die Abschlüsse aller europäischen Hochschulen sollten gleichwertig und vergleichbar zu machen. So sollten alle Studierenden in Europa etwa denselben Aufwand für ein Diplom betreiben müssen und ohne Probleme an eine andere Hochschule wechseln können (z.B. durch ein Erasmus-Semester).

Jahre nach der Einführung der ECTS-Punkte ist es nun wieder Zeit, aus Sicht der Studierenden zu fragen, was aus der Umsetzung geworden ist.

Beginnen wir mit der Vergleichbarkeit: Eigentlich sollte pro Punkt etwa 30 Stunden gearbeitet bzw. gelernt werden. Viele Studierende wissen aber: Weder sind die Punkte realistisch berechnet, noch werden sie realistisch vergeben. Nur schon die Rechnung (30 P x 30 h):(14 Wo x 7 d) = 9.18 Stunden / Tag) zeigt, wie unrealistisch der Arbeitsaufwand pro Punkt berechnet ist. Davon, dass ja einige Studierende daneben noch arbeiten müssen oder auch mal Sport treiben wollen, redet natürlich niemand. Auch die Anzahl der vergebenen Punkte ist sehr variabel, um nicht zu sagen willkürlich: In einigen Modulen werden die Punkte sehr lasch, in anderen sehr streng vergeben. Für die eine Prüfung muss man 300 Stunden lernen, für die andere nur 50. Langsam beschleicht viele Studierende die Vermutung, dass da etwas in der „Curriculareform“ schief gegangen sein muss. Gerüchteweise ist zu vernehmen, dass jemand  in einem Büro der Universität sitzt, ein bisschen darüber nachdenkt, was und wie die Studierenden am besten lernen sollen und das Ergebnis dann auf 6 Semester und 180 Punkte aufteilt. Fertig ist der neue bolognakonforme Studiengang. Vergleichbarkeit? Offensichtlich ein Fremdwort.

Kommen wir zum zweiten Ziel der ETCS-Punkte: Gleichwertigkeit. In der Theorie entspricht der Bachelor 5400 Stunden lernen. Alle Studierenden, ob in Frankreich oder Kasachstan,, betreiben theoretisch denselben Aufwand für dasselbe Studium – darum kann man auch mit dem Erasmus-Programm problemlos ins Ausland, um die Hochschule zu wechseln.

Die Wirklichkeit sieht aber leider anders aus: Jeder und jede Erasmus-StudentIn kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, sich Leistungen anrechnen zu lassen:. Bevor die Studierenden ins Ausland gehen können, müssen sie als Erstes in einem Vertrag mit der Heimuniversität (Learning Agreement) abmachen, welche Module sie später angerechnet bekommen möchten. Die Module müssen genau beschrieben werden, daraufhin werden sie überprüft und die Anzahl Punkte definiert, die man für die Module auch tatsächlich angerechnet bekommt. Da sich die Hochschulen nicht trauen, schaut man nicht mehr auf die Punkte, sondern beurteilt den Inhalt eines Moduls. Gleichwertigkeit? Fehlanzeige.

Die ECTS-Punkte bringen offensichtlich nicht das, was sich die MinisterInnen vorgestellt haben. Trotzdem funktionieren die Hochschulen immer noch und vergeben Bachelor- und Masterabschlüsse als ob nichts wäre. Offensichtlich werden Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit anders gelebt als durch Punktesysteme. Wir brauchen sie auch gar nicht, denn sie geben vor, etwas zu messen, obwohl schon längst allen Betroffenen klar ist, dass dieses Etwas nicht mit Punkten zu erfassen ist. Die Punkte sind somit zur Dekoration verkommen. Warum also schaffen wir sie nicht einfach wieder ab? Es würde nicht mal jemand merken.

– Marius Wiher war von November 2010 bis Mai 2013 Co-Präsident der Kommission für Internationales und Solidarität des VSS. Er studiert Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Zürich. Bis vor kurzem war er Ratsmitglied des Studierendenrates der Universität Zürich. 

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