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Kein Kuhhandel mit Studierenden!

Medienmitteilung VSS vom 29. August 2013

Die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft haben nach langem Hin und Her eine Erhöhung des Globalbeitrags für die Universität Basel beschlossen. Dieser Entscheid kam jedoch nur zustande, weil die Universität und Basel-Stadt vor einer Forderung der Basel-Landschaftlichen Regierung in die Knie gegangen sind: Ohne eine Erhöhung der Studiengebühren hätte BL dem Globalbeitrag nicht zugestimmt. Der VSS ist über diesen Kuhhandel äusserst konsterniert. Die Regierungen der beiden Kantone beweisen erneut, dass Ihnen die Chancengleichheit der Studierenden gleichgültig ist. Die Studierenden verlangen von den ParlamentarierInnen beider Basel, diesem Geschacher um Studierendengelder Einhalt zu gebieten und den Globalbeitrag nur zu genehmigen, wenn die Studiengebühren nicht erhöht werden.

Es ist zwar erfreulich, dass mittlerweile sogar Basel-Landschaft eingesehen hat, dass es unabdingbar ist, der Universität Basel mehr Mittel zur Verfügung zu stellen. Eine Erhöhung des Globalbeitrags von heute 317 Millionen CHF auf 329.5 Millionen CHF bis 2017 muss als gutes Zeichen gewertet werden, auch wenn diese Erhöhung eher bescheiden ausfällt. Dass es sich Basel-Landschaft erlauben kann, die gleichzeitige Erhöhung der Studiengebühren als nicht verhandelbare Bedingung aufzustellen, lässt in Bezug auf den Verhandlungsprozess zwischen den Kantonen und der Universität jedoch nichts Gutes erahnen.

Eine Erhöhung der Studiengebühren um jährlich 4 Millionen Franken ist äusserst unverantwortlich. Für das Gesamtbudget der Universität hat dieser Betrag nur eine marginale Bedeutung. Für die oder den einzelnen Studierenden fällt eine derartige Erhöhung aber unverhältnismässig ins Gewicht. Bei konstanten Studierendenzahlen müssten die Studierenden ca. 150 Franken zusätzlich berappen; damit würden neu ca. 850 Franken pro Semester fällig.

Auch an den ETH, anderen kantonalen Hochschulen und den Fachhochschulen wird über die Erhöhung der Studiengebühren diskutiert. Basel schliesst sich somit einem nationalen Trend an, Finanzierungsprobleme der Hochschulen auf dem Rücken der Studierenden auszutragen. Dabei wird ein Scheindebatte geführt, indem vorgetäuscht wird, höhere Studiengebühren hätten für die Finanzierung der Hochschulen überhaupt irgendeine Relevanz. Mélanie Glayre, Vorstandsmitglied des VSS, sagt dazu: “Auf allen Ebenen wird versucht, mit immer höheren Studiengebühren die Finanzierung von Hochschulen zu privatisieren und den Zugang zur Hochschulbildung einzuschränken. Ein solches Vorgehen ist inakzeptabel – besonders in Basel werden die Studierenden so zum Spielball im Kuhhandel zwischen den Hochschulträgern“.

 Diese Entwicklungen gefährden die Chancengleichheit und den freien Zugang zur Bildung. Anstatt endlich Lösungsansätze zu entwickeln, um eine angemessene öffentliche Finanzierung der Hochschulen sicherzustellen, versuchen die Regierungen beider Basel erneut die Studierenden in die finanzielle Verantwortung zu zwingen. Der VSS appelliert an den Landrat und den Grossen Rat, endlich Verantwortung für die Finanzierung ihrer Universität zu übernehmen, mit ihren politischen Spielereien aufzuhören und eine Erhöhung der Studiengebühren zu verhindern. Weil Ausbildung Zukunft schafft!

Flexibilität statt Beschneidung der Bildung!

Im Interview mit dem «Sonntags-Blick» vom 25. August fordert Armeechef André Blattmann, dass die kantonalen Mittelschulen den Termin für die Matur vorverlegen und die Hochschulen den Semesterbeginn nach hinten verschieben sollen. Grund dafür ist, dass die Rekrutenschule bei MaturandInnen, die direkt nach der Matur ein Hochschulstudium beginnen, zeitlich nicht zwischen den beiden Ausbildungsstufen absolviert werden kann. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) stellt sich gegen den Vorschlag des Armeechefs, denn damit würde die Bildung dem Militärdienst untergeordnet. 

Der VSS zeigt sich befremdet über die Forderung, die Matur zeitlich vorzurücken. Abgesehen davon, dass die Unterordnung der Bildung gegenüber dem Militär an sich schon fragwürdig ist, würde diese Anpassung die Ausbildung sämtlicher MaturandInnen verkürzen, obwohl nur eine Minderheit überhaupt Militärdienst leistet. Im Kanton Zürich wurde ausserdem die Matur in letzter Zeit bereits mehrmals vorverschoben und die Dauer des Gymnasiums um ein halbes Jahr auf vier Jahre verkürzt.

Mehr Flexibilität nötig

«Dass es nicht möglich ist, die RS zwischen Matur und Studienbeginn zu absolvieren,  sollte nicht durch eine  Beschneidung der Bildung gelöst werden, sondern durch Flexibilität von Seiten der Armee», sagt Nicolas Diener, Co-Präsident der Sozialkommission des VSS. Zwar besteht bereits heute die Möglichkeit, die RS aufzuteilen, aber auch dabei gehen die ersten zwei Wochen des Studiums verloren. Für viele Fachhochschulstudiengänge, deren Semester früher beginnen oder später enden oder diejenigen, welche die ersten Wochen ihres Studiums nicht verpassen wollen, kommt deshalb nur ein Zwischenjahr in Frage. Dieser Unvereinbarkeit könnte die Armee begegnen, indem die erste Hälfte der Fraktionierung auf 10 oder 11 Wochen verkürzt würde. Die zweite Hälfte könnte dann ausserhalb der üblichen Zeiten in der unterrichtsfreien Zeit im Sommer absolviert werden.

Die öffentlichen Bildungseinrichtungen sind nicht verpflichtet, sich der Rigidität des Wehrdienstes anzupassen. Vielmehr muss die Armee Lösungen finden, um denen, die es wünschen, eine Möglichkeit zum Absolvieren ihrer Rekrutenschule zu geben, welche den ordnungsgemässen Verlauf ihrer Ausbildung nicht beeinträchtigt. Eine Möglichkeit wäre, das momentan bei MilitärärztInnen angewendete System auszudehnen. Dabei wird für MedizinstudentInnen die Dienstpflicht an ihr Studium angepasst. Ähnliches wäre für alle anderen Studienrichtungen und Weiterbildungen denkbar. Denn das Militär darf kein Hindernis für ein erfolgreiches Studium sein.

Der VSS appelliert an den Armeechef und an die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), die Bedingungen der MaturandInnen und Studierenden nicht zu verschlechtern und über eine Flexibilisierung der Rekrutenschule anstatt einer Reduzierung der Schulzeit nachzudenken.

Für weitere Informationen:

Mélanie Glayre (f/d)
Vorstandsmitglied VSS
078 779 84 67

Nicolas Diener (d)
Co-Präsident Sozialkommission des VSS
079 524 36 14

Dominik Fitze (d)
Co-Präsident Sozialkommission des VSS
076 519 93 67

Der Bundesrat hat heute die Botschaft zur Totalrevision des Ausbildungsbeitragsgesetzes dem Parlament überwiesen. Das neue Gesetz beinhaltet nichts weiter als einen Verweis auf die Bestimmungen des EDK-Stipendien-Konkordates. Obwohl der Bundesrat den dringenden Verbesserungsbedarf im Stipendienwesen anerkennt, hat er es verpasst, eigene Lösungen zu entwickeln. Wieder einmal nimmt die Landesregierung ihre Verantwortung für die Chancengleichheit in der Tertiärbildung nicht wahr. Es liegt nun am Parlament, diese Aufgabe zu übernehmen und für ein chancengleiches Stipendienwesen zu sorgen.

Der VSS freut sich über den Willen des Bundesrates, die Situation zu verbessern. Der vorgeschlagene Lösungsansatz ist jedoch ungenügend: Zur Förderung der Harmonisierung des Stipendienwesens will er auf die Artikel des Stipendienkonkordats verweisen statt eine Regelung auf Bundesebene vorzusehen. Der Bundesrat überlässt es den Kantonen, zu entscheiden, ob und wie sie harmonisieren wollen. Eine eigentliche Harmonisierung wird durch das Konkordat nicht gewährleistet, weil es nur zu einer formellen Harmonisierung verpflichtet. Ohne materielle Harmonisierung wird sich an der ungerechten Verteilung der Bildungschancen nicht viel ändern.

Dies scheint dem Bundesrat gerade recht zu sein. Schliesslich deutet er in seiner Botschaft an, dass die Stipendieninitiative des VSS ein Ansteigen der Studierendenquote bedeuten könnte, die aufgrund der höheren Kosten problematisch sei. Der Bundesrat will also weiterhin in Kauf nehmen, dass eine sozioökonomische Selektion bestehen bleibt und es auch längerfristig auf die finanziellen Möglichkeiten und auf den Bildungsstand der Eltern ankommt, ob jemand eine Tertiärbildung in Angriff nehmen kann oder nicht. Manuela Hugentobler, Vorstandsmitglied des VSS, sagt dazu: „Der Gegenvorschlag des Bundesrates bestätigt die Notwendigkeit der Anliegen der Stipendieninitiative. Ein chancengleiches Stipendiensystem kann er damit aber nicht gewährleisten.“

Der Verweis auf das Konkordat ist auch juristisch unklar und widerspricht dem Prinzip der Demokratie: Die Bundesversammlung kann keinen Einfluss mehr auf die Ausgestaltung der Harmonisierung nehmen sondern nur noch die kantonale Regelung akzeptieren oder verwerfen.

Der VSS appelliert an die Bundesversammlung, sich diesen Kompetenzentzug nicht gefallen zu lassen und die  Missstände im Stipendienwesen umgehend zu beheben. Die Stipendieninitiaitive ist die einzige Möglichkeit, die dringend notwendige materielle Harmonisierung im Sinne der Chancengleichheit anzugehen. Es ist Zeit, dass die Politik Verantwortung übernimmt – weil Ausbildung Zukunft schafft!

Für weitere Informationen:

Manuela Hugentobler, Vorstandsmitglied
078 696 08 09

Mélanie Glayre, Vorstandsmitglied
078 779 84 67

Annina Grob, Generalsekretärin
079 785 06 14

Horizontale Segregation

Rund die Hälfte der Studierenden an den Schweizer Hochschulen sind Frauen*. Dennoch herrscht an den Schweizer Hochschulen ein grosses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechteranteilen innerhalb zahlreicher Studiengänge wie zum Beispiel Mathematik, Veterinärmedizin oder Ingenieurwesen. So studieren beispielsweise in der Schweiz rund 75% Frauen* Sprach- und Literaturwissenschaften, aber nur 13% Informatik an einer universitären Hochschule sowie rund 91% Männer* im Bereich IT und Technik an einer Fachhochschule, aber nur 14% im Bereich Gesundheit.[1]

Die Ursachen für die horizontale Segregation sind vielfältig und komplex und betreffen sowohl Männer* wie Frauen*. Die Wahl des Studiengangs wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, unter anderem durch die Sozialisation, Stereotypen oder unterschiedliche Förderung. Aufgrund dieser Faktoren kann deshalb eine echte Wahlfreiheit des Studiengangs nicht garantiert werden. Stattdessen reproduziert die geschlechtsspezifische Studiengangswahl bestehenden Geschlechterverhältnisse, anstatt sie aufzubrechen.

Ziel sollte nicht eine gleichmässige Verteilung der Geschlechter* auf die Studiengänge sein – vielmehr soll die geschlechtsspezifische Studiengangswahl kritisch betrachtet und hinterfragt werden.

Die Commission d’Égalité (CodEg) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) hat im Juni 2013 die Fotokampagne „Folge deinen Neigungen – nicht den Geschlechtern“[2] auf Facebook lanciert. Im Folgenden finden sich nun ausführende Informationen zu diesem Thema.

Geschlechtsspezifische Studiengangswahl

Männer* interessieren sich für Mathe und Frauen* für Sprachen? Es ist ein gängiges Klischee,  dass sich Frauen* eher für Sprachen und Männer* eher für Naturwissenschaften interessieren und eignen – der Umkehrschluss liegt nahe, dass Männern* Sprachen nicht liegen und sich Frauen* mit Mathematik schwertun.

Es erstaunt deshalb nicht, dass sich dieses Bild auch an den Hochschulen abzeichnet: es sind mehr Frauen* in den Geisteswissenschaften zu finden, als in den MINT[3] Fächern. Die traditionellen Geschlechterrollen scheinen also auch an den Hochschulen fortgeschrieben zu werden[4] und das obwohl sich die Hochschulen als aufgeklärte Institutionen mit gesellschaftlicher Vorbildrolle verstehen.

Sozialisation

Durch bestimmte Sozialisationseinflüsse sind die Geschlechter mit einigen Bereichen vertrauter und mit anderen kaum. So besteht beispielsweise immer noch die Erwartung, dass Männer* für technische und mathematische Tätigkeiten geeigneter sind. Dies begünstigt schon im frühen Lebensalter die Ermutigung und Förderung in eben diesen Bereichen (so zum Beispiel mit Spielzeug). Auch in der Schule kann dieser Mechanismus festgestellt werden: Männer* werden eher in den naturwissenschaftlichen Fächern, Frauen* eher in den Geisteswissenschaften gefördert – dies aber unabhängig der Neigungen und Fähigkeiten. Die grössere Vertrautheit mit den jeweiligen Bereichen begünstigt eine Studiengangswahl in eben diesen. Gerade bei Frauen* kann festgestellt werden, dass sie sich einen naturwissenschaftlichen Studiengang eher weniger zutrauen als einen geisteswissenschaftlichen.

Weibliche Studiengänge?

Die spezifische Verteilung der Geschlechter* in den Studiengängen kann sogar so weit gehen, dass ein Studienfach als „weiblich*“ bzw. „männlich*“ bezeichnet wird und  deshalb Männer* und Frauen* vor einem als „weiblich*“ bzw. „männlich*“ bezeichneten Studiengang zurückschrecken können. Diese Bezeichnungen können letztendlich dazu führen, dass „weibliche*“ Studienfächer im Gegensatz zu „männlichen*“ Studienfächern abgewertet werden, wie dies auch in der Berufswelt beobachtet werden kann.[5][6]

Vertikale Segregation

Der Zusammenhang der Horizontalen Segregation mit der vertikalen Segregation liegt auf der Hand. Studieren weniger Frauen* bzw. Männer* in einem Studiengang, ist auch der Pool an wissenschaftlichem Nachwuchs kleiner.[7] Die vertikale Segregation wirkt sich insofern auf die horizontale aus, indem es den Studierenden in vielen Studiengängen an Vorbildern und MentorInnen ihres eigenen Geschlechts* fehlt.

Geschlechterrollenzuschreibung

Auch innerhalb der Studierendenschaft lassen sich negative Auswirkung auf die/den EinzelneN feststellen. Zu den wenigen Männern* bzw. Frauen* in einem Studiengang zu gehören kann erstens grossen Mut erfordern und zweitens Auswirkungen auf die Geschlechterrollenzuschreibung haben. Mit dem sogenannten Token Status wird das Phänomen beschrieben, dass von Frauen* bzw. Männer*, die sich in der Minderheit befinden, die Erfüllung ihres jeweiligen Stereotyps erwartet wird. Sie können zunehmend in die stereotype Geschlechterrolle gedrängt werden, die ihnen nicht entsprechen muss.[8] Nimmt der Anteil der Männer* bzw. Frauen* zu, spiegelt sich das auch in der Diversität der Geschlechterrollen wider.

Fachkräftemangel

Die Auswirkungen der Horizontalen Segregation zeigen sich jedoch nicht nur an der Hochschule selbst, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt – und das gerade in einer Zeit, in der es an Fachkräften mangelt. Die Schweizer Wirtschaft klagt derzeitig über den sich abzeichnenden Fachkräftemangel insbesondere in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Auch die Personalverbände weisen je länger je mehr auf die durch Personalmangel hervorgerufenen Probleme im Gesundheitsbereich hin. Von Seiten der Kantone werden diverse Initiativen ergriffen, um dem LehrerInnenmangel entgegenzuwirken bzw. diesen zu verhindern. Analog zu den Hochschulen führt auch auf dem Arbeitsmarkt eine geschlechterspezifische Studienwahl zu einem kleineren Pool an Fachkräften bzw. das Potential von möglichen Fachkräften wird nicht vollständig ausgenutzt.

Massnahmen der Hochschulen

Mittlerweile wurde auch an den Hochschulen erkannt, dass der horizontalen Segregation Einhalt geboten werden muss. Viele Hochschulen organisieren Anlässe, um Frauen* und Männer* über „geschlechtsuntypische“ Studiengänge (so zum Beispiel im Rahmen der Zukunftstage) zu informieren. Gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel wird gezielt versucht Frauen* für ein MINT-Studium zu begeistern – die ETH Zürich hat sogar ein MINT-Spiel entwickeln lassen[9]. In Hinblick auf die Studienwahl schätzen die Hochschulen ihren eigenen Spielraum allerdings klein ein, da die Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Studiengang schon gefällt wurde bzw. kein Einfluss auf die durch die Gesellschaft sozialisierten Geschlechterrollen genommen werden kann. Es wird also in Kauf genommen, dass es sich bei der heutigen Studienwahl nicht um eine echte Wahlfreiheit handeln muss.

Die Commission d’Égalité (CodEg) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) setzt sich dafür ein, dass Wissenschaft und Forschung jedweder Studienfächer allen, unabhängig vom Geschlecht, zugänglich ist. Es geht nicht darum, dass ein möglichst ausgeglichener Geschlechteranteil erreicht wird, sondern darum, dass eine echte Wahlfreiheit in Bezug auf den Studiengang gewährleistet werden kann. Dies bedingt, dass die durch die Gesellschaft sozialisierten Geschlechterzuschreibungen überwunden werden müssen.

Dazu müssen die Fähigkeiten und Neigungen von Frauen* und Männern* erkannt und gefördert werden – dies auch in der Hochschule. Es bedarf zudem einer grösseren Sensibilisierung um geschlechtsspezifische Entscheidungen vorzubeugen und eines gemeinsamen Efforts von Öffentlichkeit, Bund, Kantonen, Hochschulen und Studierendenschaften, um die Situation verändern zu können.

 

[3] MINT Fächer ist eine Sammelbezeichnung für Studienfächer in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

[5] Siehe dazu: Heintz, Bettina: Ungleich unter Gleichen. Studien zur geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes. Frankfurt a.M.: 1997.

[6] Diese Abwertung eines Studiengangs kann analog zur Berufswelt auch weitere Einschränkungen vor allem für Frauen* nach sich ziehen. So kann beispielsweise analog zur schlechteren Entlöhnung in Bereichen, in denen mehr Frauen* arbeiten, auch auf die als «weiblich*» bezeichneten Studiengänge und ihre späteren Berufsfelder übertragen werden.

[7] Wird die vertikale Segregation näher betrachtet, zeigt sich aber, dass vor allem Professorinnen* auch wenn sie in einem Bereich mit vielen Studentinnen* forschen, untervertreten sind – so lehren und forschen in der Veterinärmedizin an der Universität Bern 25% Professorinnen*, obschon rund 80% Studentinnen* studieren. (http://www.rektorat.unibe.ch/unibe/rektorat/unistab/content/e362/e208065/e231691/e231693/20bPersonennachPersonalgruppenundGeschlecht2012.xls und http://www.rektorat.unibe.ch/unibe/rektorat/unistab/content/e362/e208065/e208066/e211273/4FrauenanteilStudierende2012.xls)

[8] Vergleiche dazu: http://www.nhh.no/files/filer/adm/personal/likestilling/mosskanter.pdf

Die Hochschulen gehören uns allen

Es ist schon einige Zeit her, seit sich eine Gruppe von Professorinnen und Professoren im Rahmen des Zürcher Appells [1] an die Öffentlichkeit gewandt haben, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Hochschulen immer stärker von Drittmitteln abhängig sind, und um vor dieser Entwicklung zu warnen. Sie warnten davor, dass Hochschulen durch die Finanzierung von Dritten in Abhängigkeit von ebendiesen geraten, und die Unabhängigkeit von Wissenschaft, von Forschung und Lehre, nicht mehr gewährleistet sei.

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Dritte an eine Hochschule, an ein Institut, an einen Lehrstuhl oder an eine Person aus der akademischen Welt herantreten, und diese danach als Dienstleistung ein klar definiertes Gebiet erforscht, einen Bericht für diese Dritten erstellt, oder für sie Abklärungen trifft. Solange man sich in einem klaren Dienstleistungsverhältnis befindet, der Auftrag klar ist, und die Einflussnahme der Dritten auf die sonstige wissenschaftliche Tätigkeit klar eingeschränkt ist, kann ein solcher Auftrag von Dritten sehr bereichernd sein für die Person, den Lehrstuhl, das Institut oder die Hochschule.

Problematisch wird es dann, wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. Von Seiten der Wissenschaft muss dann ein klares Nein kommen, wenn Dritte damit beginnen, ganze Lehrstühle zu finanzieren, sich in die Auswahl des akademischen Personals einmischen, oder die Forschung dominieren wollen. Forschung, Lehre und Wissenschaft müssen frei sein können, und frei sein heisst, unabhängig von den Interessen irgendwelcher Dritter. In der Schweiz garantiert die Bundesverfassung in Art. 20 die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. Wenn aber Dritte einen so starken Einfluss auf ebendiese wissenschaftliche Forschung und Lehre ausüben, ist die Freiheit dieser nicht länger gewährleistet.

Erstens werden die Resultate solcher Forschung häufig nicht mehr frei mit der akademischen Welt und der Öffentlichkeit geteilt, sondern privatisiert, und damit exklusiviert. Dass dies Problematisch ist, zeigt sich beispielsweise im Bereich der medizinischen Wissenschaften, wo Forschungsresultate, wenn sie von einer öffentlichen Hochschule erarbeitet wurden, aber nicht im Besitz der Öffentlichkeit blieben, Leben gefährden können.

Zweitens begeben sich die Forscherinnen und Forscher in eine innere Abhängigkeit von den externen Geldgeberinnen und Geldgebern. Untersuchungen haben gezeigt, dass Forscherinnen und Forscher sich unbewusst von den Interessen ihrer Geldgeberinnen und Geldgebern beeinflussen lassen, und das in allen Bereichen der Wissenschaft, quer durch alle Fakultäten.

Drittens begeben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lehrstühle, Institute und schliesslich ganze Hochschulen auch in eine äussere Abhängigkeit: eine Wissenschaft, die von Dritten finanziert wird, ist by the End of the Day auch von diesen Abhängig, da sie jederzeit damit drohen können, bei unliebsamen Verhalten die Finanzierung einzustellen, und damit die Existenz dieser Hochschulen, Institute, Lehrstühle und Personen bedrohen.

In der Vergangenheit und auch aktuell wurden verschiedene Modelle diskutiert, wie diese Problematiken eingedämmt werden könnten. Dritte sollen ihr Geld nicht direkt einzelnen Personen und Lehrstühlen, sondern besser der Hochschule als solches geben. Vereinbarungen sollen offengelegt werden. Der Einfluss von Dritten soll ganz klar definiert und eingeschränkt werden.

Diese und viele weitere Ideen sind alle schön und gut, aber sie bekämpfen das Problem nur in seinen Symptomen, nicht aber in seiner Ursache. Was es schliesslich braucht, um die verfassungsmässig geschützte Freiheit der wissenschaftlichen Lehre und Forschung zu gewährleisten, ist ein klares Bekenntnis der Öffentlichkeit, der Politik und der öffentlichen Hand zu der Unabhängigkeit der Hochschulen. Dieses Bekenntnis darf aber nicht nur ein blosses Lippenbekenntnis sein, sondern muss auch konkret Umgesetzt werden. Ein erster Schritt dazu wäre, anstatt immer bei den Hochschulen zu sparen, die benötigten finanziellen Mittel ohne wenn und aber bereitzustellen, und diese so von der Notwendigkeit von Drittmitteln zu befreien.

Es braucht mehr Geld der öffentlichen Hand für unsere Hochschulen. Nur so kann die Schweiz Wissenschaft betreiben, die ihren Namen verdient. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Resultate dieser Wissenschaft der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass unsere Hochschulen von uns, durch uns und für uns forschen und lehren.

– Thomas Leibundgut ist noch bis Ende Mai 2013 Vorstandsmitglied des VSS. Er studiert Geschichte im Master an der Universität Bern und war vor seinem Mandat beim VSS über zwei Jahre im Vorstand der StudentInnenschaft der Universität Bern.

Der VSS veröffentlicht in regelmässigen Abständen Blogbeiträge von Aktiven und Alumnis in ihrer jeweiligen Sprache. Die Beiträge repräsentieren die Meinung der Einzelpersonen.

[1] http://www.zuercher-appell.ch/