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Welche Uni ist die beste?

„ETH Zürich gehört zur Weltspitze“ – so oder ähnlich lauten die Schlagzeilen in Schweizer Medien, wenn Resultate eines Hochschulrankings veröffentlicht werden[1]. Die vermeintlich klaren Zahlen lassen sich gut medial vermitteln. Sie bestätigen, dass es um die Bildung – den von PolitikerInnen verschiedener Seiten oft bemühten, einzigen Rohstoff der Schweiz – nicht allzu schlecht steht.

Rankings entstanden nicht als gut verwertbare Zahlenspielerei der Medienbranche (obwohl verschiedene Rankings von grossen Medienkonzernen erstellt werden), sondern auf dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierungstendenz in verschiedenen Gesellschaftsbereichen[2]. Mit dem Instrument des New Public Managements werden nach dem Paradigma des Marktwettbewerbes beispielsweise im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich künstliche Wettbewerbe geschaffen. Solche Wettbewerbe versprechen scheinbare Effizienz, Messbarkeit und höhere Motivation der in den betroffenen Sektoren beschäftigten Personen.

In der Bildung und in der Wissenschaft lässt sich diese Entwicklung in verschiedenen Bereichen beobachten:

  • Damit Forschende in einen gegenseitigen Wettbewerb treten können, muss ihre wissenschaftliche Leistung quantifiziert werden. Einfach und effizient ist es, die Anzahl Publikationen und deren Zitationen zu messen. Über die Qualität der Forschung sagen solche Kennzahlen kaum etwas aus, und die Qualität der Lehre kann damit nicht gemessen werden. Hingegen entspricht es ganz dem Wettbewerbsparadigma, dass WissenschaftlerInnen zunehmend dazu tendieren, viele keine Aufsätze an Stelle einer umfassenden Publikation zu veröffentlichen, da sie so ihren scheinbaren wissenschaftlichen Output beeinflussen können[3]. Rückwirkend beeinflusst die Messmethode das Publikationsverhalten.
  • Die Leistung von Universitäten wiederum lässt sich aus den einzelnen quantifizierten Leistungen ihres wissenschaftlichen Personals berechnen. Wenn dazu noch Budgetzahlen, eingeworbene Drittmittel, Studierendenzahlen und gewonnene Nobelpreise in die Berechnung miteinbezogen werden, dann hat man bereits die Datengrundlage eines durchschnittlichen Hochschulrankings beisammen[4]. Diese Daten sind frei zugänglich, und lassen sich leicht verrechnen und vergleichen. Die daraus abgeleiteten Rankings bilden die Basis für den Wettbewerb zwischen Hochschulen, auch wenn bei einer leichten Umgewichtung der einzelnen Indikatoren, die Rangliste oft ganz anders aussehen würden.

Aus Effizienzgründen beschränkt sich die Datenbasis meist auf die englischsprachigen Publikationen in den grossen naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen. Für diese sind umfassende Zitationsindexe (z.B. Web of Science von Thompson Reuters) zugänglich und einfach auswertbar. Trotz dem Anspruch auf weltweite Gültigkeit werden Rankings durch die Auswahl dieser Indikatoren zu Gunsten der englischen Sprachregionen verzerrt.

Nicht zuletzt genügen die Rankings auch wegen oft intransparenten Verrechnungsmethoden kaum wissenschaftlichen Ansprüchen. Umso gefährlicher wird es, wenn nun gemäss Ökonomisierungsparadigma per Ranking die „besten“ Hochschulen gesucht werden um die beschränkten staatlichen Beiträge und privaten Drittmittel entsprechend zu verteilen und den „Rohstoff Bildung“ so möglichst effizient zu produzieren. Auf Grundlage der zweifelhaften Datenbasis von Hochschulrankings werden Investitionsentscheide getroffen, welche die wahre Qualität der Forschung und Bildung sehr real betreffen.

Zu Recht setzt sich eine wachsende Front aus WissenschaftlerInnen, Studierenden und Universitätsangehörigen gegen dieses eigentlich „unwissenschaftliche“ Vorgehen zur Wehr. [5]

– Emmanuel Schweizer ist Co-Präsident der Kommission für Internationales und Solidarität (CIS) des VSS. Er studiert seit 2007 interreligiöse Studien an der Universität Bern. Zwischen November 2011 und April 2013 war Emmanuel Vorstand der StudentInnenschaft der Universität Bern (SUB).

Der VSS veröffentlicht in regelmässigen Abständen Blogbeiträge von Aktiven und Alumnis in ihrer jeweiligen Sprache. Die Beiträge repräsentieren die Meinung der Einzelpersonen.


[1] Ein paar Beispiele: Blick, 20min, SRF, Der Bund.

[2] Kritisch beschreibt der Volkswirtschaftler Mathias Binswanger diese Entwicklung in „Sinnlose Wettbewerbe -Warum wir immer mehr Unsinn produzieren“, 2010.

[3]„Veröffentliche oder krepiere!“, Die Süddeutsche, 03.09.2012.

[4] zB Methodologie der aktuellen Ausgabe des Shanghai Rankings.

[5] Ein namhaftes Beispiel ist die Deutsche Gesellschaft für Soziologie mit ihrem Boykott des CHE-Rankings. oder

Eine Liste mit RankingkritikerInnen gibt es auf studis-online.de.

Horizontale Segregation

Rund die Hälfte der Studierenden an den Schweizer Hochschulen sind Frauen*. Dennoch herrscht an den Schweizer Hochschulen ein grosses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechteranteilen innerhalb zahlreicher Studiengänge wie zum Beispiel Mathematik, Veterinärmedizin oder Ingenieurwesen. So studieren beispielsweise in der Schweiz rund 75% Frauen* Sprach- und Literaturwissenschaften, aber nur 13% Informatik an einer universitären Hochschule sowie rund 91% Männer* im Bereich IT und Technik an einer Fachhochschule, aber nur 14% im Bereich Gesundheit.[1]

Die Ursachen für die horizontale Segregation sind vielfältig und komplex und betreffen sowohl Männer* wie Frauen*. Die Wahl des Studiengangs wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, unter anderem durch die Sozialisation, Stereotypen oder unterschiedliche Förderung. Aufgrund dieser Faktoren kann deshalb eine echte Wahlfreiheit des Studiengangs nicht garantiert werden. Stattdessen reproduziert die geschlechtsspezifische Studiengangswahl bestehenden Geschlechterverhältnisse, anstatt sie aufzubrechen.

Ziel sollte nicht eine gleichmässige Verteilung der Geschlechter* auf die Studiengänge sein – vielmehr soll die geschlechtsspezifische Studiengangswahl kritisch betrachtet und hinterfragt werden.

Die Commission d’Égalité (CodEg) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) hat im Juni 2013 die Fotokampagne „Folge deinen Neigungen – nicht den Geschlechtern“[2] auf Facebook lanciert. Im Folgenden finden sich nun ausführende Informationen zu diesem Thema.

Geschlechtsspezifische Studiengangswahl

Männer* interessieren sich für Mathe und Frauen* für Sprachen? Es ist ein gängiges Klischee,  dass sich Frauen* eher für Sprachen und Männer* eher für Naturwissenschaften interessieren und eignen – der Umkehrschluss liegt nahe, dass Männern* Sprachen nicht liegen und sich Frauen* mit Mathematik schwertun.

Es erstaunt deshalb nicht, dass sich dieses Bild auch an den Hochschulen abzeichnet: es sind mehr Frauen* in den Geisteswissenschaften zu finden, als in den MINT[3] Fächern. Die traditionellen Geschlechterrollen scheinen also auch an den Hochschulen fortgeschrieben zu werden[4] und das obwohl sich die Hochschulen als aufgeklärte Institutionen mit gesellschaftlicher Vorbildrolle verstehen.

Sozialisation

Durch bestimmte Sozialisationseinflüsse sind die Geschlechter mit einigen Bereichen vertrauter und mit anderen kaum. So besteht beispielsweise immer noch die Erwartung, dass Männer* für technische und mathematische Tätigkeiten geeigneter sind. Dies begünstigt schon im frühen Lebensalter die Ermutigung und Förderung in eben diesen Bereichen (so zum Beispiel mit Spielzeug). Auch in der Schule kann dieser Mechanismus festgestellt werden: Männer* werden eher in den naturwissenschaftlichen Fächern, Frauen* eher in den Geisteswissenschaften gefördert – dies aber unabhängig der Neigungen und Fähigkeiten. Die grössere Vertrautheit mit den jeweiligen Bereichen begünstigt eine Studiengangswahl in eben diesen. Gerade bei Frauen* kann festgestellt werden, dass sie sich einen naturwissenschaftlichen Studiengang eher weniger zutrauen als einen geisteswissenschaftlichen.

Weibliche Studiengänge?

Die spezifische Verteilung der Geschlechter* in den Studiengängen kann sogar so weit gehen, dass ein Studienfach als „weiblich*“ bzw. „männlich*“ bezeichnet wird und  deshalb Männer* und Frauen* vor einem als „weiblich*“ bzw. „männlich*“ bezeichneten Studiengang zurückschrecken können. Diese Bezeichnungen können letztendlich dazu führen, dass „weibliche*“ Studienfächer im Gegensatz zu „männlichen*“ Studienfächern abgewertet werden, wie dies auch in der Berufswelt beobachtet werden kann.[5][6]

Vertikale Segregation

Der Zusammenhang der Horizontalen Segregation mit der vertikalen Segregation liegt auf der Hand. Studieren weniger Frauen* bzw. Männer* in einem Studiengang, ist auch der Pool an wissenschaftlichem Nachwuchs kleiner.[7] Die vertikale Segregation wirkt sich insofern auf die horizontale aus, indem es den Studierenden in vielen Studiengängen an Vorbildern und MentorInnen ihres eigenen Geschlechts* fehlt.

Geschlechterrollenzuschreibung

Auch innerhalb der Studierendenschaft lassen sich negative Auswirkung auf die/den EinzelneN feststellen. Zu den wenigen Männern* bzw. Frauen* in einem Studiengang zu gehören kann erstens grossen Mut erfordern und zweitens Auswirkungen auf die Geschlechterrollenzuschreibung haben. Mit dem sogenannten Token Status wird das Phänomen beschrieben, dass von Frauen* bzw. Männer*, die sich in der Minderheit befinden, die Erfüllung ihres jeweiligen Stereotyps erwartet wird. Sie können zunehmend in die stereotype Geschlechterrolle gedrängt werden, die ihnen nicht entsprechen muss.[8] Nimmt der Anteil der Männer* bzw. Frauen* zu, spiegelt sich das auch in der Diversität der Geschlechterrollen wider.

Fachkräftemangel

Die Auswirkungen der Horizontalen Segregation zeigen sich jedoch nicht nur an der Hochschule selbst, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt – und das gerade in einer Zeit, in der es an Fachkräften mangelt. Die Schweizer Wirtschaft klagt derzeitig über den sich abzeichnenden Fachkräftemangel insbesondere in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Auch die Personalverbände weisen je länger je mehr auf die durch Personalmangel hervorgerufenen Probleme im Gesundheitsbereich hin. Von Seiten der Kantone werden diverse Initiativen ergriffen, um dem LehrerInnenmangel entgegenzuwirken bzw. diesen zu verhindern. Analog zu den Hochschulen führt auch auf dem Arbeitsmarkt eine geschlechterspezifische Studienwahl zu einem kleineren Pool an Fachkräften bzw. das Potential von möglichen Fachkräften wird nicht vollständig ausgenutzt.

Massnahmen der Hochschulen

Mittlerweile wurde auch an den Hochschulen erkannt, dass der horizontalen Segregation Einhalt geboten werden muss. Viele Hochschulen organisieren Anlässe, um Frauen* und Männer* über „geschlechtsuntypische“ Studiengänge (so zum Beispiel im Rahmen der Zukunftstage) zu informieren. Gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel wird gezielt versucht Frauen* für ein MINT-Studium zu begeistern – die ETH Zürich hat sogar ein MINT-Spiel entwickeln lassen[9]. In Hinblick auf die Studienwahl schätzen die Hochschulen ihren eigenen Spielraum allerdings klein ein, da die Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Studiengang schon gefällt wurde bzw. kein Einfluss auf die durch die Gesellschaft sozialisierten Geschlechterrollen genommen werden kann. Es wird also in Kauf genommen, dass es sich bei der heutigen Studienwahl nicht um eine echte Wahlfreiheit handeln muss.

Die Commission d’Égalité (CodEg) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) setzt sich dafür ein, dass Wissenschaft und Forschung jedweder Studienfächer allen, unabhängig vom Geschlecht, zugänglich ist. Es geht nicht darum, dass ein möglichst ausgeglichener Geschlechteranteil erreicht wird, sondern darum, dass eine echte Wahlfreiheit in Bezug auf den Studiengang gewährleistet werden kann. Dies bedingt, dass die durch die Gesellschaft sozialisierten Geschlechterzuschreibungen überwunden werden müssen.

Dazu müssen die Fähigkeiten und Neigungen von Frauen* und Männern* erkannt und gefördert werden – dies auch in der Hochschule. Es bedarf zudem einer grösseren Sensibilisierung um geschlechtsspezifische Entscheidungen vorzubeugen und eines gemeinsamen Efforts von Öffentlichkeit, Bund, Kantonen, Hochschulen und Studierendenschaften, um die Situation verändern zu können.

 

[3] MINT Fächer ist eine Sammelbezeichnung für Studienfächer in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

[5] Siehe dazu: Heintz, Bettina: Ungleich unter Gleichen. Studien zur geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes. Frankfurt a.M.: 1997.

[6] Diese Abwertung eines Studiengangs kann analog zur Berufswelt auch weitere Einschränkungen vor allem für Frauen* nach sich ziehen. So kann beispielsweise analog zur schlechteren Entlöhnung in Bereichen, in denen mehr Frauen* arbeiten, auch auf die als «weiblich*» bezeichneten Studiengänge und ihre späteren Berufsfelder übertragen werden.

[7] Wird die vertikale Segregation näher betrachtet, zeigt sich aber, dass vor allem Professorinnen* auch wenn sie in einem Bereich mit vielen Studentinnen* forschen, untervertreten sind – so lehren und forschen in der Veterinärmedizin an der Universität Bern 25% Professorinnen*, obschon rund 80% Studentinnen* studieren. (http://www.rektorat.unibe.ch/unibe/rektorat/unistab/content/e362/e208065/e231691/e231693/20bPersonennachPersonalgruppenundGeschlecht2012.xls und http://www.rektorat.unibe.ch/unibe/rektorat/unistab/content/e362/e208065/e208066/e211273/4FrauenanteilStudierende2012.xls)

[8] Vergleiche dazu: http://www.nhh.no/files/filer/adm/personal/likestilling/mosskanter.pdf

Die Punkte als Dekoration

Punkte bekommt man im Computerspiel Tetris, an der Kasse in der Migros oder wenn man in Österreich eine rote Ampel überfährt. Und Punkte bekommt man seit 1999 auch wenn man studiert. In der Stadt Bologna wurde nämlich damals von den MinisterInnen aus 30 europäischen Ländern beschlossen, was die Studierenden von nun an jeden Tag begleiten sollte: Das European Credit Transfer System (ECTS). Auch bekannt als diejenigen 180 bzw. 120 Punkte, die man für den Abschluss als Bachelor bzw. Master erwerben muss und die schon seit Jahren von PolitikerInnen, ProfessorInnen und KommilitonInnen kritisiert werden. Dabei war die Idee hinter dem System durchaus verständlich. Denn bis 1999 hatte jedes europäische Land sein eigenes Hochschulsystem inklusive ziemlich unterschiedlichen Curricula, Notenstufen und Semesterzeiten. Einer der Lösungsansätze der MinisterInnen dafür war, die Abschlüsse aller europäischen Hochschulen sollten gleichwertig und vergleichbar zu machen. So sollten alle Studierenden in Europa etwa denselben Aufwand für ein Diplom betreiben müssen und ohne Probleme an eine andere Hochschule wechseln können (z.B. durch ein Erasmus-Semester).

Jahre nach der Einführung der ECTS-Punkte ist es nun wieder Zeit, aus Sicht der Studierenden zu fragen, was aus der Umsetzung geworden ist.

Beginnen wir mit der Vergleichbarkeit: Eigentlich sollte pro Punkt etwa 30 Stunden gearbeitet bzw. gelernt werden. Viele Studierende wissen aber: Weder sind die Punkte realistisch berechnet, noch werden sie realistisch vergeben. Nur schon die Rechnung (30 P x 30 h):(14 Wo x 7 d) = 9.18 Stunden / Tag) zeigt, wie unrealistisch der Arbeitsaufwand pro Punkt berechnet ist. Davon, dass ja einige Studierende daneben noch arbeiten müssen oder auch mal Sport treiben wollen, redet natürlich niemand. Auch die Anzahl der vergebenen Punkte ist sehr variabel, um nicht zu sagen willkürlich: In einigen Modulen werden die Punkte sehr lasch, in anderen sehr streng vergeben. Für die eine Prüfung muss man 300 Stunden lernen, für die andere nur 50. Langsam beschleicht viele Studierende die Vermutung, dass da etwas in der „Curriculareform“ schief gegangen sein muss. Gerüchteweise ist zu vernehmen, dass jemand  in einem Büro der Universität sitzt, ein bisschen darüber nachdenkt, was und wie die Studierenden am besten lernen sollen und das Ergebnis dann auf 6 Semester und 180 Punkte aufteilt. Fertig ist der neue bolognakonforme Studiengang. Vergleichbarkeit? Offensichtlich ein Fremdwort.

Kommen wir zum zweiten Ziel der ETCS-Punkte: Gleichwertigkeit. In der Theorie entspricht der Bachelor 5400 Stunden lernen. Alle Studierenden, ob in Frankreich oder Kasachstan,, betreiben theoretisch denselben Aufwand für dasselbe Studium – darum kann man auch mit dem Erasmus-Programm problemlos ins Ausland, um die Hochschule zu wechseln.

Die Wirklichkeit sieht aber leider anders aus: Jeder und jede Erasmus-StudentIn kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, sich Leistungen anrechnen zu lassen:. Bevor die Studierenden ins Ausland gehen können, müssen sie als Erstes in einem Vertrag mit der Heimuniversität (Learning Agreement) abmachen, welche Module sie später angerechnet bekommen möchten. Die Module müssen genau beschrieben werden, daraufhin werden sie überprüft und die Anzahl Punkte definiert, die man für die Module auch tatsächlich angerechnet bekommt. Da sich die Hochschulen nicht trauen, schaut man nicht mehr auf die Punkte, sondern beurteilt den Inhalt eines Moduls. Gleichwertigkeit? Fehlanzeige.

Die ECTS-Punkte bringen offensichtlich nicht das, was sich die MinisterInnen vorgestellt haben. Trotzdem funktionieren die Hochschulen immer noch und vergeben Bachelor- und Masterabschlüsse als ob nichts wäre. Offensichtlich werden Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit anders gelebt als durch Punktesysteme. Wir brauchen sie auch gar nicht, denn sie geben vor, etwas zu messen, obwohl schon längst allen Betroffenen klar ist, dass dieses Etwas nicht mit Punkten zu erfassen ist. Die Punkte sind somit zur Dekoration verkommen. Warum also schaffen wir sie nicht einfach wieder ab? Es würde nicht mal jemand merken.

– Marius Wiher war von November 2010 bis Mai 2013 Co-Präsident der Kommission für Internationales und Solidarität des VSS. Er studiert Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Zürich. Bis vor kurzem war er Ratsmitglied des Studierendenrates der Universität Zürich. 

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Erschienen im Bulletin der SAGW (Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften) (2|2013)

Es ist sehr erfreulich, dass sich die SAGW in den aktuellen Diskurs über den Sinn geisteswissenschaftlicher Fächer einmischt; wurde dieser doch bis anhin zu oft ohne Beteiligung von WissenschaftlerInnen geführt. Eine differenzierte Positionierung durch Lehrende und Forschende ist angesichts der vielfältigen Ansprüche aus Gesellschaft und Wirtschaft dringend notwendig.

Die einleitende Feststellung, dass sich die Geisteswissenschaften mit tiefgreifenden Veränderungen an den Hochschulen und bezüglich der Erwartungen an Lehre und Forschung konfrontiert sehen, wird von den Studierenden geteilt. Auch Sinn und Ziel der geisteswissenschaftlichen Disziplinen umschreibt das Papier sehr treffend und in unserem Sinne: „Die Geisteswissenschaften lassen bewusst werden, dass geschichtliche Bedingungen die eigene Arbeit prägen, dass Wertungen unumgänglich sind und dass Resultate kaum endgültig sein können.“ Weiter wird festgehalten, dass die Geisteswissenschaften die „notwendigen Kompetenzen für die Bewältigung der Probleme einer kulturell heterogener gewordenen Gesellschaft in einer globalisierten Welt“ vermitteln.

Damit wäre zur Berechtigung geisteswissenschaftlicher Lehre und Forschung eigentlich schon genug gesagt – was kann von den Hochschulen mehr erwartet werden, als dass sie Studierende zu kritischen, selbständig denkenden StaatsbürgerInnen, WissenschaftlerInnen, Arbeitnehmenden und UnternehmerInnen heranbilden?

Zunehmend werden aber auch andere, dieser Grundidee zuwiderlaufende Ansprüche an die Hochschulen herangetragen; das Positionspapier benennt sie als eine Verstärkung der „Orientierung an den Bedürfnissen potenzieller Kunden“ und der „Logik des Marktes“. Gefordert werden marktwirtschaftliche Effizienz und konkret verwertbare Ergebnisse.

Die Akademie äussert sich in der Einleitung des Positionspapiers kritisch zu diesen Tendenzen und zeigt die Widersprüche zwischen der marktwirtschaftlichen Logik und dem Anspruch der Geisteswissenschaften auf. Leider ist eine grosse Diskrepanz zwischen dem in der Einleitung beschriebenen Sinn der Geisteswissenschaften und den nachfolgenden Empfehlungen festzustellen. Insbesondere die vorgeschlagenen Empfehlungen zur Erneuerung der Lehre richten sich nach dem Dogma eines Bildungsmarktes anstatt sich auf ein Verständnis von Bildung als kritischer Auseinandersetzung zu beziehen.

Exemplarisch lässt sich dies an der Empfehlung Nr. 5 darlegen: Ohne weitere Begründung wird dafür plädiert, Studierende nach dem Bachelor aus den Hochschulen und auf den Arbeitsmarkt zu entlassen. Die Empfehlung orientiert sich einseitig und unreflektiert an der Forderung, die Hochschulen sollen sich darauf beschränken, berufsqualifizierende Ausbildungen anzubieten und darüber hinausgehende Zielsetzungen gesellschaftlicher Relevanz verwerfen. Die SAGW übernimmt damit eine scheinbare Problematik, ohne sie statistisch nachzuweisen oder argumentativ zu begründen: Studierende der Geisteswissenschaften seien auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar. Die Empfehlung befasst sich mit einem konstruierten, statistisch nicht haltbaren Problem und scheint sich – entgegen der einleitenden Äusserungen zu Nutzen und Notwendigkeit geisteswissenschaftlicher Bildung – am gesellschaftlichen Druck zu mehr Wirtschaftsnähe unterzuordnen. Wir, die Studierenden, wehren uns dagegen; wir sind der festen Überzeugung, dass Studierende der Geisteswissenschaften aufgrund der von ihnen erarbeiteten, kritischen Reflexionsfähigkeit durchaus und problemlos arbeitsmarkttauglich sind.

Die SAGW hält eingangs, vor einer Beschreibung der aktuellen Herausforderungen fest, was Geisteswissenschaften eigentlich sind und was sie leisten können und sollen: Grundlagen der Gesellschaft untersuchen und den Studierenden zur Partizipation, Reflexion und Entwicklung verhelfen – gerade damit kann garantiert werden, dass die Geisteswissenschaften aktuell und notwendig bleiben. Sie dürfen sich dabei nicht an ökonomischen Forderungen orientieren sondern müssen ihre umfassende gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.

Die Studierenden sind vom Inhalt und den Forderungen der SAGW mehrheitlich enttäuscht. Es wurde vertan, eine eigene Sicht auf die Entwicklungen in der schweizerischen Hochschullandschaft darzulegen. Es wurden, ohne kritische Reflexion, mehrheitlich bereits vorhandene Vorschläge wiederholt, die der Komplexität des Themas nicht gerecht werden. Dabei stützen sich die AutorInnen auf eine Argumentationslinie, die vor der in der Einleitung dargelegten „Logik des Marktes“ kapituliert. Gefordert wäre aber ganz im Gegensatz dazu ein selbstbewusstes Auftreten der WissenschaftlerInnen, um konsequent die akademische Bildung als gesellschaftliche Notwendigkeit über ihre direkte Verwertbarkeit hinaus zu verteidigen.

Manuela Hugentobler  ist seit Mai 2012 Vorstandsmitglied des VSS. Vorher war sie Co-Präsidentin der Hochschulpolitischen Kommission des VSS und mit dem Ressort Hochschulpolitik der skuba (Studentische Körperschaft der Universität Basel) betraut.

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Die Hochschulen gehören uns allen

Es ist schon einige Zeit her, seit sich eine Gruppe von Professorinnen und Professoren im Rahmen des Zürcher Appells [1] an die Öffentlichkeit gewandt haben, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Hochschulen immer stärker von Drittmitteln abhängig sind, und um vor dieser Entwicklung zu warnen. Sie warnten davor, dass Hochschulen durch die Finanzierung von Dritten in Abhängigkeit von ebendiesen geraten, und die Unabhängigkeit von Wissenschaft, von Forschung und Lehre, nicht mehr gewährleistet sei.

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Dritte an eine Hochschule, an ein Institut, an einen Lehrstuhl oder an eine Person aus der akademischen Welt herantreten, und diese danach als Dienstleistung ein klar definiertes Gebiet erforscht, einen Bericht für diese Dritten erstellt, oder für sie Abklärungen trifft. Solange man sich in einem klaren Dienstleistungsverhältnis befindet, der Auftrag klar ist, und die Einflussnahme der Dritten auf die sonstige wissenschaftliche Tätigkeit klar eingeschränkt ist, kann ein solcher Auftrag von Dritten sehr bereichernd sein für die Person, den Lehrstuhl, das Institut oder die Hochschule.

Problematisch wird es dann, wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. Von Seiten der Wissenschaft muss dann ein klares Nein kommen, wenn Dritte damit beginnen, ganze Lehrstühle zu finanzieren, sich in die Auswahl des akademischen Personals einmischen, oder die Forschung dominieren wollen. Forschung, Lehre und Wissenschaft müssen frei sein können, und frei sein heisst, unabhängig von den Interessen irgendwelcher Dritter. In der Schweiz garantiert die Bundesverfassung in Art. 20 die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. Wenn aber Dritte einen so starken Einfluss auf ebendiese wissenschaftliche Forschung und Lehre ausüben, ist die Freiheit dieser nicht länger gewährleistet.

Erstens werden die Resultate solcher Forschung häufig nicht mehr frei mit der akademischen Welt und der Öffentlichkeit geteilt, sondern privatisiert, und damit exklusiviert. Dass dies Problematisch ist, zeigt sich beispielsweise im Bereich der medizinischen Wissenschaften, wo Forschungsresultate, wenn sie von einer öffentlichen Hochschule erarbeitet wurden, aber nicht im Besitz der Öffentlichkeit blieben, Leben gefährden können.

Zweitens begeben sich die Forscherinnen und Forscher in eine innere Abhängigkeit von den externen Geldgeberinnen und Geldgebern. Untersuchungen haben gezeigt, dass Forscherinnen und Forscher sich unbewusst von den Interessen ihrer Geldgeberinnen und Geldgebern beeinflussen lassen, und das in allen Bereichen der Wissenschaft, quer durch alle Fakultäten.

Drittens begeben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lehrstühle, Institute und schliesslich ganze Hochschulen auch in eine äussere Abhängigkeit: eine Wissenschaft, die von Dritten finanziert wird, ist by the End of the Day auch von diesen Abhängig, da sie jederzeit damit drohen können, bei unliebsamen Verhalten die Finanzierung einzustellen, und damit die Existenz dieser Hochschulen, Institute, Lehrstühle und Personen bedrohen.

In der Vergangenheit und auch aktuell wurden verschiedene Modelle diskutiert, wie diese Problematiken eingedämmt werden könnten. Dritte sollen ihr Geld nicht direkt einzelnen Personen und Lehrstühlen, sondern besser der Hochschule als solches geben. Vereinbarungen sollen offengelegt werden. Der Einfluss von Dritten soll ganz klar definiert und eingeschränkt werden.

Diese und viele weitere Ideen sind alle schön und gut, aber sie bekämpfen das Problem nur in seinen Symptomen, nicht aber in seiner Ursache. Was es schliesslich braucht, um die verfassungsmässig geschützte Freiheit der wissenschaftlichen Lehre und Forschung zu gewährleisten, ist ein klares Bekenntnis der Öffentlichkeit, der Politik und der öffentlichen Hand zu der Unabhängigkeit der Hochschulen. Dieses Bekenntnis darf aber nicht nur ein blosses Lippenbekenntnis sein, sondern muss auch konkret Umgesetzt werden. Ein erster Schritt dazu wäre, anstatt immer bei den Hochschulen zu sparen, die benötigten finanziellen Mittel ohne wenn und aber bereitzustellen, und diese so von der Notwendigkeit von Drittmitteln zu befreien.

Es braucht mehr Geld der öffentlichen Hand für unsere Hochschulen. Nur so kann die Schweiz Wissenschaft betreiben, die ihren Namen verdient. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Resultate dieser Wissenschaft der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass unsere Hochschulen von uns, durch uns und für uns forschen und lehren.

– Thomas Leibundgut ist noch bis Ende Mai 2013 Vorstandsmitglied des VSS. Er studiert Geschichte im Master an der Universität Bern und war vor seinem Mandat beim VSS über zwei Jahre im Vorstand der StudentInnenschaft der Universität Bern.

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[1] http://www.zuercher-appell.ch/