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Die Punkte als Dekoration

Punkte bekommt man im Computerspiel Tetris, an der Kasse in der Migros oder wenn man in Österreich eine rote Ampel überfährt. Und Punkte bekommt man seit 1999 auch wenn man studiert. In der Stadt Bologna wurde nämlich damals von den MinisterInnen aus 30 europäischen Ländern beschlossen, was die Studierenden von nun an jeden Tag begleiten sollte: Das European Credit Transfer System (ECTS). Auch bekannt als diejenigen 180 bzw. 120 Punkte, die man für den Abschluss als Bachelor bzw. Master erwerben muss und die schon seit Jahren von PolitikerInnen, ProfessorInnen und KommilitonInnen kritisiert werden. Dabei war die Idee hinter dem System durchaus verständlich. Denn bis 1999 hatte jedes europäische Land sein eigenes Hochschulsystem inklusive ziemlich unterschiedlichen Curricula, Notenstufen und Semesterzeiten. Einer der Lösungsansätze der MinisterInnen dafür war, die Abschlüsse aller europäischen Hochschulen sollten gleichwertig und vergleichbar zu machen. So sollten alle Studierenden in Europa etwa denselben Aufwand für ein Diplom betreiben müssen und ohne Probleme an eine andere Hochschule wechseln können (z.B. durch ein Erasmus-Semester).

Jahre nach der Einführung der ECTS-Punkte ist es nun wieder Zeit, aus Sicht der Studierenden zu fragen, was aus der Umsetzung geworden ist.

Beginnen wir mit der Vergleichbarkeit: Eigentlich sollte pro Punkt etwa 30 Stunden gearbeitet bzw. gelernt werden. Viele Studierende wissen aber: Weder sind die Punkte realistisch berechnet, noch werden sie realistisch vergeben. Nur schon die Rechnung (30 P x 30 h):(14 Wo x 7 d) = 9.18 Stunden / Tag) zeigt, wie unrealistisch der Arbeitsaufwand pro Punkt berechnet ist. Davon, dass ja einige Studierende daneben noch arbeiten müssen oder auch mal Sport treiben wollen, redet natürlich niemand. Auch die Anzahl der vergebenen Punkte ist sehr variabel, um nicht zu sagen willkürlich: In einigen Modulen werden die Punkte sehr lasch, in anderen sehr streng vergeben. Für die eine Prüfung muss man 300 Stunden lernen, für die andere nur 50. Langsam beschleicht viele Studierende die Vermutung, dass da etwas in der „Curriculareform“ schief gegangen sein muss. Gerüchteweise ist zu vernehmen, dass jemand  in einem Büro der Universität sitzt, ein bisschen darüber nachdenkt, was und wie die Studierenden am besten lernen sollen und das Ergebnis dann auf 6 Semester und 180 Punkte aufteilt. Fertig ist der neue bolognakonforme Studiengang. Vergleichbarkeit? Offensichtlich ein Fremdwort.

Kommen wir zum zweiten Ziel der ETCS-Punkte: Gleichwertigkeit. In der Theorie entspricht der Bachelor 5400 Stunden lernen. Alle Studierenden, ob in Frankreich oder Kasachstan,, betreiben theoretisch denselben Aufwand für dasselbe Studium – darum kann man auch mit dem Erasmus-Programm problemlos ins Ausland, um die Hochschule zu wechseln.

Die Wirklichkeit sieht aber leider anders aus: Jeder und jede Erasmus-StudentIn kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, sich Leistungen anrechnen zu lassen:. Bevor die Studierenden ins Ausland gehen können, müssen sie als Erstes in einem Vertrag mit der Heimuniversität (Learning Agreement) abmachen, welche Module sie später angerechnet bekommen möchten. Die Module müssen genau beschrieben werden, daraufhin werden sie überprüft und die Anzahl Punkte definiert, die man für die Module auch tatsächlich angerechnet bekommt. Da sich die Hochschulen nicht trauen, schaut man nicht mehr auf die Punkte, sondern beurteilt den Inhalt eines Moduls. Gleichwertigkeit? Fehlanzeige.

Die ECTS-Punkte bringen offensichtlich nicht das, was sich die MinisterInnen vorgestellt haben. Trotzdem funktionieren die Hochschulen immer noch und vergeben Bachelor- und Masterabschlüsse als ob nichts wäre. Offensichtlich werden Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit anders gelebt als durch Punktesysteme. Wir brauchen sie auch gar nicht, denn sie geben vor, etwas zu messen, obwohl schon längst allen Betroffenen klar ist, dass dieses Etwas nicht mit Punkten zu erfassen ist. Die Punkte sind somit zur Dekoration verkommen. Warum also schaffen wir sie nicht einfach wieder ab? Es würde nicht mal jemand merken.

– Marius Wiher war von November 2010 bis Mai 2013 Co-Präsident der Kommission für Internationales und Solidarität des VSS. Er studiert Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Zürich. Bis vor kurzem war er Ratsmitglied des Studierendenrates der Universität Zürich. 

Der VSS veröffentlicht in regelmässigen Abständen Blogbeiträge von Aktiven und Alumnis in ihrer jeweiligen Sprache. Die Beiträge repräsentieren die Meinung der Einzelpersonen.

Erschienen im Bulletin der SAGW (Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften) (2|2013)

Es ist sehr erfreulich, dass sich die SAGW in den aktuellen Diskurs über den Sinn geisteswissenschaftlicher Fächer einmischt; wurde dieser doch bis anhin zu oft ohne Beteiligung von WissenschaftlerInnen geführt. Eine differenzierte Positionierung durch Lehrende und Forschende ist angesichts der vielfältigen Ansprüche aus Gesellschaft und Wirtschaft dringend notwendig.

Die einleitende Feststellung, dass sich die Geisteswissenschaften mit tiefgreifenden Veränderungen an den Hochschulen und bezüglich der Erwartungen an Lehre und Forschung konfrontiert sehen, wird von den Studierenden geteilt. Auch Sinn und Ziel der geisteswissenschaftlichen Disziplinen umschreibt das Papier sehr treffend und in unserem Sinne: „Die Geisteswissenschaften lassen bewusst werden, dass geschichtliche Bedingungen die eigene Arbeit prägen, dass Wertungen unumgänglich sind und dass Resultate kaum endgültig sein können.“ Weiter wird festgehalten, dass die Geisteswissenschaften die „notwendigen Kompetenzen für die Bewältigung der Probleme einer kulturell heterogener gewordenen Gesellschaft in einer globalisierten Welt“ vermitteln.

Damit wäre zur Berechtigung geisteswissenschaftlicher Lehre und Forschung eigentlich schon genug gesagt – was kann von den Hochschulen mehr erwartet werden, als dass sie Studierende zu kritischen, selbständig denkenden StaatsbürgerInnen, WissenschaftlerInnen, Arbeitnehmenden und UnternehmerInnen heranbilden?

Zunehmend werden aber auch andere, dieser Grundidee zuwiderlaufende Ansprüche an die Hochschulen herangetragen; das Positionspapier benennt sie als eine Verstärkung der „Orientierung an den Bedürfnissen potenzieller Kunden“ und der „Logik des Marktes“. Gefordert werden marktwirtschaftliche Effizienz und konkret verwertbare Ergebnisse.

Die Akademie äussert sich in der Einleitung des Positionspapiers kritisch zu diesen Tendenzen und zeigt die Widersprüche zwischen der marktwirtschaftlichen Logik und dem Anspruch der Geisteswissenschaften auf. Leider ist eine grosse Diskrepanz zwischen dem in der Einleitung beschriebenen Sinn der Geisteswissenschaften und den nachfolgenden Empfehlungen festzustellen. Insbesondere die vorgeschlagenen Empfehlungen zur Erneuerung der Lehre richten sich nach dem Dogma eines Bildungsmarktes anstatt sich auf ein Verständnis von Bildung als kritischer Auseinandersetzung zu beziehen.

Exemplarisch lässt sich dies an der Empfehlung Nr. 5 darlegen: Ohne weitere Begründung wird dafür plädiert, Studierende nach dem Bachelor aus den Hochschulen und auf den Arbeitsmarkt zu entlassen. Die Empfehlung orientiert sich einseitig und unreflektiert an der Forderung, die Hochschulen sollen sich darauf beschränken, berufsqualifizierende Ausbildungen anzubieten und darüber hinausgehende Zielsetzungen gesellschaftlicher Relevanz verwerfen. Die SAGW übernimmt damit eine scheinbare Problematik, ohne sie statistisch nachzuweisen oder argumentativ zu begründen: Studierende der Geisteswissenschaften seien auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar. Die Empfehlung befasst sich mit einem konstruierten, statistisch nicht haltbaren Problem und scheint sich – entgegen der einleitenden Äusserungen zu Nutzen und Notwendigkeit geisteswissenschaftlicher Bildung – am gesellschaftlichen Druck zu mehr Wirtschaftsnähe unterzuordnen. Wir, die Studierenden, wehren uns dagegen; wir sind der festen Überzeugung, dass Studierende der Geisteswissenschaften aufgrund der von ihnen erarbeiteten, kritischen Reflexionsfähigkeit durchaus und problemlos arbeitsmarkttauglich sind.

Die SAGW hält eingangs, vor einer Beschreibung der aktuellen Herausforderungen fest, was Geisteswissenschaften eigentlich sind und was sie leisten können und sollen: Grundlagen der Gesellschaft untersuchen und den Studierenden zur Partizipation, Reflexion und Entwicklung verhelfen – gerade damit kann garantiert werden, dass die Geisteswissenschaften aktuell und notwendig bleiben. Sie dürfen sich dabei nicht an ökonomischen Forderungen orientieren sondern müssen ihre umfassende gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.

Die Studierenden sind vom Inhalt und den Forderungen der SAGW mehrheitlich enttäuscht. Es wurde vertan, eine eigene Sicht auf die Entwicklungen in der schweizerischen Hochschullandschaft darzulegen. Es wurden, ohne kritische Reflexion, mehrheitlich bereits vorhandene Vorschläge wiederholt, die der Komplexität des Themas nicht gerecht werden. Dabei stützen sich die AutorInnen auf eine Argumentationslinie, die vor der in der Einleitung dargelegten „Logik des Marktes“ kapituliert. Gefordert wäre aber ganz im Gegensatz dazu ein selbstbewusstes Auftreten der WissenschaftlerInnen, um konsequent die akademische Bildung als gesellschaftliche Notwendigkeit über ihre direkte Verwertbarkeit hinaus zu verteidigen.

Manuela Hugentobler  ist seit Mai 2012 Vorstandsmitglied des VSS. Vorher war sie Co-Präsidentin der Hochschulpolitischen Kommission des VSS und mit dem Ressort Hochschulpolitik der skuba (Studentische Körperschaft der Universität Basel) betraut.

Der VSS veröffentlicht in regelmässigen Abständen Blogbeiträge von Aktiven und Alumnis in ihrer jeweiligen Sprache. Die Beiträge repräsentieren die Meinung der Einzelpersonen.

Die Hochschulen gehören uns allen

Es ist schon einige Zeit her, seit sich eine Gruppe von Professorinnen und Professoren im Rahmen des Zürcher Appells [1] an die Öffentlichkeit gewandt haben, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Hochschulen immer stärker von Drittmitteln abhängig sind, und um vor dieser Entwicklung zu warnen. Sie warnten davor, dass Hochschulen durch die Finanzierung von Dritten in Abhängigkeit von ebendiesen geraten, und die Unabhängigkeit von Wissenschaft, von Forschung und Lehre, nicht mehr gewährleistet sei.

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Dritte an eine Hochschule, an ein Institut, an einen Lehrstuhl oder an eine Person aus der akademischen Welt herantreten, und diese danach als Dienstleistung ein klar definiertes Gebiet erforscht, einen Bericht für diese Dritten erstellt, oder für sie Abklärungen trifft. Solange man sich in einem klaren Dienstleistungsverhältnis befindet, der Auftrag klar ist, und die Einflussnahme der Dritten auf die sonstige wissenschaftliche Tätigkeit klar eingeschränkt ist, kann ein solcher Auftrag von Dritten sehr bereichernd sein für die Person, den Lehrstuhl, das Institut oder die Hochschule.

Problematisch wird es dann, wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. Von Seiten der Wissenschaft muss dann ein klares Nein kommen, wenn Dritte damit beginnen, ganze Lehrstühle zu finanzieren, sich in die Auswahl des akademischen Personals einmischen, oder die Forschung dominieren wollen. Forschung, Lehre und Wissenschaft müssen frei sein können, und frei sein heisst, unabhängig von den Interessen irgendwelcher Dritter. In der Schweiz garantiert die Bundesverfassung in Art. 20 die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. Wenn aber Dritte einen so starken Einfluss auf ebendiese wissenschaftliche Forschung und Lehre ausüben, ist die Freiheit dieser nicht länger gewährleistet.

Erstens werden die Resultate solcher Forschung häufig nicht mehr frei mit der akademischen Welt und der Öffentlichkeit geteilt, sondern privatisiert, und damit exklusiviert. Dass dies Problematisch ist, zeigt sich beispielsweise im Bereich der medizinischen Wissenschaften, wo Forschungsresultate, wenn sie von einer öffentlichen Hochschule erarbeitet wurden, aber nicht im Besitz der Öffentlichkeit blieben, Leben gefährden können.

Zweitens begeben sich die Forscherinnen und Forscher in eine innere Abhängigkeit von den externen Geldgeberinnen und Geldgebern. Untersuchungen haben gezeigt, dass Forscherinnen und Forscher sich unbewusst von den Interessen ihrer Geldgeberinnen und Geldgebern beeinflussen lassen, und das in allen Bereichen der Wissenschaft, quer durch alle Fakultäten.

Drittens begeben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lehrstühle, Institute und schliesslich ganze Hochschulen auch in eine äussere Abhängigkeit: eine Wissenschaft, die von Dritten finanziert wird, ist by the End of the Day auch von diesen Abhängig, da sie jederzeit damit drohen können, bei unliebsamen Verhalten die Finanzierung einzustellen, und damit die Existenz dieser Hochschulen, Institute, Lehrstühle und Personen bedrohen.

In der Vergangenheit und auch aktuell wurden verschiedene Modelle diskutiert, wie diese Problematiken eingedämmt werden könnten. Dritte sollen ihr Geld nicht direkt einzelnen Personen und Lehrstühlen, sondern besser der Hochschule als solches geben. Vereinbarungen sollen offengelegt werden. Der Einfluss von Dritten soll ganz klar definiert und eingeschränkt werden.

Diese und viele weitere Ideen sind alle schön und gut, aber sie bekämpfen das Problem nur in seinen Symptomen, nicht aber in seiner Ursache. Was es schliesslich braucht, um die verfassungsmässig geschützte Freiheit der wissenschaftlichen Lehre und Forschung zu gewährleisten, ist ein klares Bekenntnis der Öffentlichkeit, der Politik und der öffentlichen Hand zu der Unabhängigkeit der Hochschulen. Dieses Bekenntnis darf aber nicht nur ein blosses Lippenbekenntnis sein, sondern muss auch konkret Umgesetzt werden. Ein erster Schritt dazu wäre, anstatt immer bei den Hochschulen zu sparen, die benötigten finanziellen Mittel ohne wenn und aber bereitzustellen, und diese so von der Notwendigkeit von Drittmitteln zu befreien.

Es braucht mehr Geld der öffentlichen Hand für unsere Hochschulen. Nur so kann die Schweiz Wissenschaft betreiben, die ihren Namen verdient. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Resultate dieser Wissenschaft der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass unsere Hochschulen von uns, durch uns und für uns forschen und lehren.

– Thomas Leibundgut ist noch bis Ende Mai 2013 Vorstandsmitglied des VSS. Er studiert Geschichte im Master an der Universität Bern und war vor seinem Mandat beim VSS über zwei Jahre im Vorstand der StudentInnenschaft der Universität Bern.

Der VSS veröffentlicht in regelmässigen Abständen Blogbeiträge von Aktiven und Alumnis in ihrer jeweiligen Sprache. Die Beiträge repräsentieren die Meinung der Einzelpersonen.

[1] http://www.zuercher-appell.ch/

Solidaritätsaktion

VSS-UNES-USU and the Students‘ Union of the University of Bern (SUB) support the Norwegian Students‘ and Academics‘ International Assistance Fund (SAIH) with money raised at a solidarity bar held on November 17th 2012 on the International Students‘ Day.

SAIH has been informed officially on may 16th 2013 about the amount. VSS-UNES-USU and SUB would like to support their activities and encourage other Students‘ Unions to develop similar projects or solidarity actions.

Video: Africa for Norway on youtube.com