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Erschienen im Bulletin der SAGW (Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften) (2|2013)

Es ist sehr erfreulich, dass sich die SAGW in den aktuellen Diskurs über den Sinn geisteswissenschaftlicher Fächer einmischt; wurde dieser doch bis anhin zu oft ohne Beteiligung von WissenschaftlerInnen geführt. Eine differenzierte Positionierung durch Lehrende und Forschende ist angesichts der vielfältigen Ansprüche aus Gesellschaft und Wirtschaft dringend notwendig.

Die einleitende Feststellung, dass sich die Geisteswissenschaften mit tiefgreifenden Veränderungen an den Hochschulen und bezüglich der Erwartungen an Lehre und Forschung konfrontiert sehen, wird von den Studierenden geteilt. Auch Sinn und Ziel der geisteswissenschaftlichen Disziplinen umschreibt das Papier sehr treffend und in unserem Sinne: „Die Geisteswissenschaften lassen bewusst werden, dass geschichtliche Bedingungen die eigene Arbeit prägen, dass Wertungen unumgänglich sind und dass Resultate kaum endgültig sein können.“ Weiter wird festgehalten, dass die Geisteswissenschaften die „notwendigen Kompetenzen für die Bewältigung der Probleme einer kulturell heterogener gewordenen Gesellschaft in einer globalisierten Welt“ vermitteln.

Damit wäre zur Berechtigung geisteswissenschaftlicher Lehre und Forschung eigentlich schon genug gesagt – was kann von den Hochschulen mehr erwartet werden, als dass sie Studierende zu kritischen, selbständig denkenden StaatsbürgerInnen, WissenschaftlerInnen, Arbeitnehmenden und UnternehmerInnen heranbilden?

Zunehmend werden aber auch andere, dieser Grundidee zuwiderlaufende Ansprüche an die Hochschulen herangetragen; das Positionspapier benennt sie als eine Verstärkung der „Orientierung an den Bedürfnissen potenzieller Kunden“ und der „Logik des Marktes“. Gefordert werden marktwirtschaftliche Effizienz und konkret verwertbare Ergebnisse.

Die Akademie äussert sich in der Einleitung des Positionspapiers kritisch zu diesen Tendenzen und zeigt die Widersprüche zwischen der marktwirtschaftlichen Logik und dem Anspruch der Geisteswissenschaften auf. Leider ist eine grosse Diskrepanz zwischen dem in der Einleitung beschriebenen Sinn der Geisteswissenschaften und den nachfolgenden Empfehlungen festzustellen. Insbesondere die vorgeschlagenen Empfehlungen zur Erneuerung der Lehre richten sich nach dem Dogma eines Bildungsmarktes anstatt sich auf ein Verständnis von Bildung als kritischer Auseinandersetzung zu beziehen.

Exemplarisch lässt sich dies an der Empfehlung Nr. 5 darlegen: Ohne weitere Begründung wird dafür plädiert, Studierende nach dem Bachelor aus den Hochschulen und auf den Arbeitsmarkt zu entlassen. Die Empfehlung orientiert sich einseitig und unreflektiert an der Forderung, die Hochschulen sollen sich darauf beschränken, berufsqualifizierende Ausbildungen anzubieten und darüber hinausgehende Zielsetzungen gesellschaftlicher Relevanz verwerfen. Die SAGW übernimmt damit eine scheinbare Problematik, ohne sie statistisch nachzuweisen oder argumentativ zu begründen: Studierende der Geisteswissenschaften seien auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar. Die Empfehlung befasst sich mit einem konstruierten, statistisch nicht haltbaren Problem und scheint sich – entgegen der einleitenden Äusserungen zu Nutzen und Notwendigkeit geisteswissenschaftlicher Bildung – am gesellschaftlichen Druck zu mehr Wirtschaftsnähe unterzuordnen. Wir, die Studierenden, wehren uns dagegen; wir sind der festen Überzeugung, dass Studierende der Geisteswissenschaften aufgrund der von ihnen erarbeiteten, kritischen Reflexionsfähigkeit durchaus und problemlos arbeitsmarkttauglich sind.

Die SAGW hält eingangs, vor einer Beschreibung der aktuellen Herausforderungen fest, was Geisteswissenschaften eigentlich sind und was sie leisten können und sollen: Grundlagen der Gesellschaft untersuchen und den Studierenden zur Partizipation, Reflexion und Entwicklung verhelfen – gerade damit kann garantiert werden, dass die Geisteswissenschaften aktuell und notwendig bleiben. Sie dürfen sich dabei nicht an ökonomischen Forderungen orientieren sondern müssen ihre umfassende gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.

Die Studierenden sind vom Inhalt und den Forderungen der SAGW mehrheitlich enttäuscht. Es wurde vertan, eine eigene Sicht auf die Entwicklungen in der schweizerischen Hochschullandschaft darzulegen. Es wurden, ohne kritische Reflexion, mehrheitlich bereits vorhandene Vorschläge wiederholt, die der Komplexität des Themas nicht gerecht werden. Dabei stützen sich die AutorInnen auf eine Argumentationslinie, die vor der in der Einleitung dargelegten „Logik des Marktes“ kapituliert. Gefordert wäre aber ganz im Gegensatz dazu ein selbstbewusstes Auftreten der WissenschaftlerInnen, um konsequent die akademische Bildung als gesellschaftliche Notwendigkeit über ihre direkte Verwertbarkeit hinaus zu verteidigen.

Manuela Hugentobler  ist seit Mai 2012 Vorstandsmitglied des VSS. Vorher war sie Co-Präsidentin der Hochschulpolitischen Kommission des VSS und mit dem Ressort Hochschulpolitik der skuba (Studentische Körperschaft der Universität Basel) betraut.

Der VSS veröffentlicht in regelmässigen Abständen Blogbeiträge von Aktiven und Alumnis in ihrer jeweiligen Sprache. Die Beiträge repräsentieren die Meinung der Einzelpersonen.

Die Hochschulen gehören uns allen

Es ist schon einige Zeit her, seit sich eine Gruppe von Professorinnen und Professoren im Rahmen des Zürcher Appells [1] an die Öffentlichkeit gewandt haben, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Hochschulen immer stärker von Drittmitteln abhängig sind, und um vor dieser Entwicklung zu warnen. Sie warnten davor, dass Hochschulen durch die Finanzierung von Dritten in Abhängigkeit von ebendiesen geraten, und die Unabhängigkeit von Wissenschaft, von Forschung und Lehre, nicht mehr gewährleistet sei.

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Dritte an eine Hochschule, an ein Institut, an einen Lehrstuhl oder an eine Person aus der akademischen Welt herantreten, und diese danach als Dienstleistung ein klar definiertes Gebiet erforscht, einen Bericht für diese Dritten erstellt, oder für sie Abklärungen trifft. Solange man sich in einem klaren Dienstleistungsverhältnis befindet, der Auftrag klar ist, und die Einflussnahme der Dritten auf die sonstige wissenschaftliche Tätigkeit klar eingeschränkt ist, kann ein solcher Auftrag von Dritten sehr bereichernd sein für die Person, den Lehrstuhl, das Institut oder die Hochschule.

Problematisch wird es dann, wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. Von Seiten der Wissenschaft muss dann ein klares Nein kommen, wenn Dritte damit beginnen, ganze Lehrstühle zu finanzieren, sich in die Auswahl des akademischen Personals einmischen, oder die Forschung dominieren wollen. Forschung, Lehre und Wissenschaft müssen frei sein können, und frei sein heisst, unabhängig von den Interessen irgendwelcher Dritter. In der Schweiz garantiert die Bundesverfassung in Art. 20 die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. Wenn aber Dritte einen so starken Einfluss auf ebendiese wissenschaftliche Forschung und Lehre ausüben, ist die Freiheit dieser nicht länger gewährleistet.

Erstens werden die Resultate solcher Forschung häufig nicht mehr frei mit der akademischen Welt und der Öffentlichkeit geteilt, sondern privatisiert, und damit exklusiviert. Dass dies Problematisch ist, zeigt sich beispielsweise im Bereich der medizinischen Wissenschaften, wo Forschungsresultate, wenn sie von einer öffentlichen Hochschule erarbeitet wurden, aber nicht im Besitz der Öffentlichkeit blieben, Leben gefährden können.

Zweitens begeben sich die Forscherinnen und Forscher in eine innere Abhängigkeit von den externen Geldgeberinnen und Geldgebern. Untersuchungen haben gezeigt, dass Forscherinnen und Forscher sich unbewusst von den Interessen ihrer Geldgeberinnen und Geldgebern beeinflussen lassen, und das in allen Bereichen der Wissenschaft, quer durch alle Fakultäten.

Drittens begeben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lehrstühle, Institute und schliesslich ganze Hochschulen auch in eine äussere Abhängigkeit: eine Wissenschaft, die von Dritten finanziert wird, ist by the End of the Day auch von diesen Abhängig, da sie jederzeit damit drohen können, bei unliebsamen Verhalten die Finanzierung einzustellen, und damit die Existenz dieser Hochschulen, Institute, Lehrstühle und Personen bedrohen.

In der Vergangenheit und auch aktuell wurden verschiedene Modelle diskutiert, wie diese Problematiken eingedämmt werden könnten. Dritte sollen ihr Geld nicht direkt einzelnen Personen und Lehrstühlen, sondern besser der Hochschule als solches geben. Vereinbarungen sollen offengelegt werden. Der Einfluss von Dritten soll ganz klar definiert und eingeschränkt werden.

Diese und viele weitere Ideen sind alle schön und gut, aber sie bekämpfen das Problem nur in seinen Symptomen, nicht aber in seiner Ursache. Was es schliesslich braucht, um die verfassungsmässig geschützte Freiheit der wissenschaftlichen Lehre und Forschung zu gewährleisten, ist ein klares Bekenntnis der Öffentlichkeit, der Politik und der öffentlichen Hand zu der Unabhängigkeit der Hochschulen. Dieses Bekenntnis darf aber nicht nur ein blosses Lippenbekenntnis sein, sondern muss auch konkret Umgesetzt werden. Ein erster Schritt dazu wäre, anstatt immer bei den Hochschulen zu sparen, die benötigten finanziellen Mittel ohne wenn und aber bereitzustellen, und diese so von der Notwendigkeit von Drittmitteln zu befreien.

Es braucht mehr Geld der öffentlichen Hand für unsere Hochschulen. Nur so kann die Schweiz Wissenschaft betreiben, die ihren Namen verdient. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Resultate dieser Wissenschaft der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass unsere Hochschulen von uns, durch uns und für uns forschen und lehren.

– Thomas Leibundgut ist noch bis Ende Mai 2013 Vorstandsmitglied des VSS. Er studiert Geschichte im Master an der Universität Bern und war vor seinem Mandat beim VSS über zwei Jahre im Vorstand der StudentInnenschaft der Universität Bern.

Der VSS veröffentlicht in regelmässigen Abständen Blogbeiträge von Aktiven und Alumnis in ihrer jeweiligen Sprache. Die Beiträge repräsentieren die Meinung der Einzelpersonen.

[1] http://www.zuercher-appell.ch/

Solidaritätsaktion

VSS-UNES-USU and the Students‘ Union of the University of Bern (SUB) support the Norwegian Students‘ and Academics‘ International Assistance Fund (SAIH) with money raised at a solidarity bar held on November 17th 2012 on the International Students‘ Day.

SAIH has been informed officially on may 16th 2013 about the amount. VSS-UNES-USU and SUB would like to support their activities and encourage other Students‘ Unions to develop similar projects or solidarity actions.

Video: Africa for Norway on youtube.com

Nein zu höheren Studiengebühren!

Nein zu höheren Studiengebühren: ein Film von VSS-UNES.

Gleich zwei Vorstösse im Schweizer Parlament sorgen derzeit für Unmut bei den Studierenden. Zwar wurden sie von VertreterInnen ganz unterschiedlicher Parteien eingereicht, fordern aber beide fast das Gleiche: Die Motion Keller zielt auf eine generelle Verdoppelung der Studiengebühren für ausländische ETH-Studierende ab. Die parlamentarische Initiative Nordmann verlangt, dass die Studiengebühren an den ETH für Studierende mit Eltern ohne Steuerdomizil in der Schweiz bis zu verdreifacht werden. Beide wollen sie eine nicht zu rechtfertigende Ungleichbehandlung zwischen Studierenden einführen. Sie verschlimmern damit die Chancenungleichheit erneut.

Auch an den Fachhochschulen und den kantonalen Hochschulen sind Diskussionen um die Erhöhung von Studiengebühren an der Tagesordnung – es handelt sich also um kein ETH-spezifisches Problem. Auf allen Ebenen wird versucht, mit immer höheren Studiengebühren die Finanzierung von Hochschulen zu privatisieren und den Zugang zur Hochschulbildung einzuschränken.

Diese Entwicklungen sind nicht akzeptabel. Sie gefährden die Chancengleichheit und den freien Zugang zur Bildung. Jede und jeder soll entsprechend ihrer und seiner Fähigkeiten und Neigungen eine tertiäre Ausbildung in Angriff nehmen können – unabhängig von der Dicke des Portemonnaies. Anstatt endlich Lösungsansätze zu entwickeln, um eine angemessene öffentliche Finanzierung der Hochschulen sicherzustellen, werden mit diesen parlamentarischen Vorstössen wieder einmal die Studierenden in die (finanzielle) Verantwortung gezwungen.

Anlässlich seiner 159. Delegiertenversammlung hat der VSS in einer Aktion seinen Unmut gegenüber den vorgeschlagenen Studiengebührenerhöhungen kundgetan. Der VSS ist mit den aktuellen Entwicklungen nicht einverstanden und wehrt sich dagegen, dass Studierenden zum Spielball der Politik gemacht werden Es darf nicht sein, dass nur noch Kindern reicher Eltern der Zugang zur tertiären Bildung haben. Studierende aus ganz Europa teilen diese Ansicht, indem sie am 64. Boardmeeting der European Students Union in Budapest ihre Unterstützung in einer Resolution zum Ausdruck gebracht haben (http:https://www.vss-unes.ch/2013/05/01/2323/).

Die vorgeschlagene Erhöhung der Studiengebühren würde zu weniger internationalen Studierenden in der Schweiz führen und die kulturelle Vielfalt gefährden. Studierende aus dem Ausland werden es sich nicht mehr leisten können, in die Schweiz zu kommen. Studiengebühren sind sozial ungerecht, selektiv und unverhältnismässig. PolitikerInnen auf kantonaler, auf Bundesebene und in Europa sind aufgerufen,  die Unentgeltlichkeit der Hochschulbildung einzuführen sich endlich für eine wahre Chancengleichheit einzusetzen.

Der Kurzfilm ist hier abrufbar.