verabschiedet am 1. September 2012 an der ausserordentlichen Delegiertenversammlung des VSS in Zürich

Eine Hochschule als Wissenschaftsstätte für Forschung und Lehre ist immer eine gesellschaftliche Institution. Nur eine in der Gesellschaft verankerte Hochschule geniesst das Vertrauen und die Unterstützung, welche die Wissenschaft und die Bildung brauchen, um sich entfalten zu können, um die Gesellschaft mit ihren Erkenntnissen zu fördern und weiterzuentwickeln. Die Gesellschaft trägt dabei die Verantwortung für die Hochschule, lässt ihr aber die Möglichkeit, sich selbständig zu organisieren.

Das Dogma des New Public Management, oft eine im gleichen Atemzug mit der Privatisierung von öffentlichen Aufgaben genannte Forderung, verlangt eine Unabhängigkeit der Hochschulen entsprechend marktorientierten Managementprinzipien. Dabei werden Hochschulen als Unternehmungen verstanden und RektorInnen definieren sich selbst als CEOs[1]. Statt an den Erkenntnissen der Wissenschaft und den gesellschaftlichen Interessen orientiert sich die Hochschule an Rankings, an der sogenannten Arbeitsmarktfähigkeit der Studierenden und an dem wirtschaftlichen Nutzen. Um dies umzusetzen werden Managementorgane eingeführt, welche eine sehr hohe Entscheidungs- und Definitionsmacht über die Hochschulen verfügen. Ohne garantierte Mitbestimmung der Studierenden und allen weiteren Hochschulangehörigen entscheidet schliesslich eine kleine Gruppe VertreterInnen ohne zwingende direkte Verbindung zur Hochschule hinter verschlossenen Türen über Ausrichtung und Zukunft dieser. Ohne der Perspektive von VertreterInnen aus Politik, Wirtschaft Gesellschaft und Kultur ihren zusätzlichen Nutzen aberkennen zu wollen sollten solch wegweisende Entscheide hauptsächlich durch VertreterInnen, welche Hochschule und Wissenschaft nahe stehen gefällt werden.

Die Schweizer Hochschulen werden zunehmend von solchen Gremien und entsprechend diesen New-Public-Management-Prinzipien geführt. Sie gelten als oberstes Entscheidungsorgan der Hochschulen und beschliessen eigenständig über die Organisation, Personalpolitik und Finanzierung, wie beispielsweise der Universitätsrat Basel. Sie beantragen Zulassungsbeschränkungen und entscheiden in eigener Kompetenz über Studiengebühren, wie beispielsweise der Universitätsrat Zürich. Demokratie und Mitbestimmung der Hochschulangehörigen und der Stimmbevölkerung gehen zu Gunsten einer Orientierung an der Wirtschaft verloren, die Ökonomisierung der Hochschulbildung wird somit in den Strukturen der Institution verankert. Aus der Idee einer Autonomie und Selbstverwaltung wird so ein Top-Down-System der Abhängigkeit und Unsicherheit für die Hochschule und ihre Teilorganisationen.

Kritische Forschung und Lehre braucht Unabhängigkeit, um frei von Zwängen aus Politik und Wirtschaft die Gesellschaft prägen zu können. Echte Unabhängigkeit in der Wissenschaft bedeutet aber nicht, dass ohne demokratische Beteiligung der Hochschulangehörigen Entscheide getroffen werden können. Der enorme Nutzen einer wirklichen Hochschulgemeinschaft, deren einzelne Gruppen die Ziele gründlicher Ausbildung und hochwertiger Forschung gemeinsam verfolgen, kann nur erreicht werden, wenn alle Beteiligten in den massgeblichen Entscheidungsprozessen demokratisch partizipieren und mitbestimmen.[2]

Der Verband der Schweizer Studierendenschaften fordert deshalb die Stärkung der demokratischen und partizipativen Autonomie der Hochschulen, statt einer zunehmenden Abhängigkeit von externen (und insbesondere wirtschaftlichen) Einflüssen. Wir wollen paritätische Mitbestimmung aller Hochschulangehörigen, insbesondere der Studierenden, statt Fremdbestimmung durch undemokratische Gremien. Wir fordern echte Autonomie mit der Beteiligung aller Betroffenen statt ein New Public Management für Hochschulen.


[1] siehe Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel, im NZZ Campus: http://campus.nzz.ch/politik/harmonisch-leidenschaftlich-oder-heftig

[2] siehe auch Perspektiven 2007, herausgegeben vom VSS, April 2003, Bern.