Kaum Präsident der ErziehungsdirektorInnenkonferenz der Deutschschweiz (D-EDK) beglückt Christian Amsler (FDP/SH) die junge Generation mit einem Neujahrsgeschenk. Seine Forderung nach einem Numerus Clausus für Sozial- und Geisteswissenschaften gefährdet nicht nur die Zukunft der jungen Generation, sondern auch den Stellenwert der Matura. Nicht zuletzt zeigt sie, dass Amsler sich zuerst mit den Anliegen der Direktbetroffenen – die Studierenden und SchülerInnen – auseinandersetzen sollte, statt solche Hürden zu verlangen und dadurch das Bildungssystem der Schweiz in Frage zu stellen.

Wer heute ein Hochschulstudium abschliessen möchte, muss verschiedene Hürden überwinden. Dies beginnt im Stufenbau des Bildungssystems, welches schon früh selektioniert und SchülerInnen über verschiedene Pfade ausbildet. Hinzu kommen ökonomische Hürden wie hohe Lebenshaltungskosten und fehlende Stipendien, welche weiter selektionieren. Hochschulen verlangen zusätzlich Studiengebühren als Eintrittsticket in die akademische Bildungswelt. Dieses Hürdenmenü möchte Christian Amsler (FDP/SH) mit einem Numerus Clausus für Sozial- und Geisteswissenschaften garnieren. Statt den freien Zugang zur Hochschulbildung mit einem Maturazeugnis soll gemäss Amsler eine geschlossene Gesellschaft für einige wenige, die es sich finanziell und per Prüfungszufall leisten können und dürfen, sich in einer geisteswissenschaftlichen Akademie zu bilden, eingeführt werden.

Ein Numerus Clausus stellt jedoch in verschiedener Hinsicht eine Guillotine für die Zukunft der jungen Generation dar. Erstens zeigt sich ein Numerus Clausus gegenüber den von Amsler anvisierten Marktanforderungen starr und ungenügend: verfügt die Schweiz doch seit Jahren im Medizinbereich über einen politisch verursachten Mangel an ÄrztInnen, der Numerus Clausus verschlimmert die Situation im Gesundheitsbereich weiter. Mit den Geisteswissenschaften – wo heute kein Arbeitslosigkeitsproblem besteht – stellt Amsler einen Wissenschaftsbereich in Frage, der gerade die Bildung zu mündigen BürgerInnen vorantreibt und die notwendigen analytischen Fähigkeiten verleiht, um die Gesellschaft weiterzuentwickeln.

Zweitens bedeutet dieser Vorschlag für lernwillige Studierende verschlossene Türen und eine massive Entwertung der Matura: statt mit einem Gymnasialabschluss oder Berufsmatura Zugang zu einer Hochschule zu erhalten, stehen diese SchülerInnen ohne abgeschlossene Erstausbildung auf der Strasse. Die Matura als allgemeinbildende Stufe verkommt so zu einer Farce. Drittens, aber nicht zuletzt, stellt ein Numerus Clausus insbesondere eine soziale Selektion dar. Bereits das Stufensystem vor dem Mittelschulabschluss führt zu einer sozialen Selektion, weitere Hürden, seien sie ökonomisch oder schulisch, verschärfen die Situation weiter. Heute verfügen mehr als 46% der Studierenden über mindestens einen Elternteil mit Hochschulabschluss, wobei im Durchschnitt 14% der männlichen Wohnbevölkerung zwischen 45 und 64 Jahren über einen universitären Hochschulabschluss verfügen; bei den Studierenden sind es allerdings 36% ihrer Väter.

Ein Numerus Clausus fördert wie beim Übertritt von der Primar- oder Sekundarschule zum Gymnasium im Falle von Eintrittsprüfungen eine Nachhilfemaschinerie. Kinder von Eltern, welche sich in einem bildungsfernen Umfeld bewegen oder über weniger finanzielle Mittel verfügen, werden davon ausgeschlossen, was zu erheblich tieferen Chancen in Eintrittsprüfungen führen kann. Amsler als Präsident der D-EDK sollte jedoch nicht nur reiche und bildungsnahe Eltern und dadurch eine kleine Schicht der Schweiz vertreten – sondern die gesamte junge Generation, welche Anspruch auf eine Bildung ihrer Neigung und Fähigkeiten entsprechend hat.

Vielmehr sollte Amsler Zeichen setzen, welche das Bildungssystem nachhaltig weiterbringen. Dies bedeutet den SchülerInnen andere Fächer, beispielsweise im MINT-Bereich, näher zu bringen, was allerdings eine stärkere Förderung der naturwissenschaftlichen Fächer bedingt und eine Aufwertung der Matura verlangt. Durch ein Verbot von sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern, durch Sparmassnahmen und -pakete in den Kantonen oder durch eine Verdoppelung der Studiengebühren an den ETH wird keine Schülerin dazu gebracht, statt Historikerin plötzlich Ingenieurin zu werden.

Wir wünschen Christian Amsler für sein Amt als Präsident der EDK Deutschschweiz visionäre Schritte und Mut, das Bildungssystem der Schweiz weiterzubringen und zu verteidigen –  statt dieses zu demontieren. Denn die Bildung ist die Zukunft der Schweiz!