Rund die Hälfte der Studierenden an den Schweizer Hochschulen sind Frauen*. Dennoch herrscht an den Schweizer Hochschulen ein grosses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechteranteilen innerhalb zahlreicher Studiengänge wie zum Beispiel Mathematik, Veterinärmedizin oder Ingenieurwesen. So studieren beispielsweise in der Schweiz rund 75% Frauen* Sprach- und Literaturwissenschaften, aber nur 13% Informatik an einer universitären Hochschule sowie rund 91% Männer* im Bereich IT und Technik an einer Fachhochschule, aber nur 14% im Bereich Gesundheit.[1]

Die Ursachen für die horizontale Segregation sind vielfältig und komplex und betreffen sowohl Männer* wie Frauen*. Die Wahl des Studiengangs wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, unter anderem durch die Sozialisation, Stereotypen oder unterschiedliche Förderung. Aufgrund dieser Faktoren kann deshalb eine echte Wahlfreiheit des Studiengangs nicht garantiert werden. Stattdessen reproduziert die geschlechtsspezifische Studiengangswahl bestehenden Geschlechterverhältnisse, anstatt sie aufzubrechen.

Ziel sollte nicht eine gleichmässige Verteilung der Geschlechter* auf die Studiengänge sein – vielmehr soll die geschlechtsspezifische Studiengangswahl kritisch betrachtet und hinterfragt werden.

Die Commission d’Égalité (CodEg) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) hat im Juni 2013 die Fotokampagne „Folge deinen Neigungen – nicht den Geschlechtern“[2] auf Facebook lanciert. Im Folgenden finden sich nun ausführende Informationen zu diesem Thema.

Geschlechtsspezifische Studiengangswahl

Männer* interessieren sich für Mathe und Frauen* für Sprachen? Es ist ein gängiges Klischee,  dass sich Frauen* eher für Sprachen und Männer* eher für Naturwissenschaften interessieren und eignen – der Umkehrschluss liegt nahe, dass Männern* Sprachen nicht liegen und sich Frauen* mit Mathematik schwertun.

Es erstaunt deshalb nicht, dass sich dieses Bild auch an den Hochschulen abzeichnet: es sind mehr Frauen* in den Geisteswissenschaften zu finden, als in den MINT[3] Fächern. Die traditionellen Geschlechterrollen scheinen also auch an den Hochschulen fortgeschrieben zu werden[4] und das obwohl sich die Hochschulen als aufgeklärte Institutionen mit gesellschaftlicher Vorbildrolle verstehen.

Sozialisation

Durch bestimmte Sozialisationseinflüsse sind die Geschlechter mit einigen Bereichen vertrauter und mit anderen kaum. So besteht beispielsweise immer noch die Erwartung, dass Männer* für technische und mathematische Tätigkeiten geeigneter sind. Dies begünstigt schon im frühen Lebensalter die Ermutigung und Förderung in eben diesen Bereichen (so zum Beispiel mit Spielzeug). Auch in der Schule kann dieser Mechanismus festgestellt werden: Männer* werden eher in den naturwissenschaftlichen Fächern, Frauen* eher in den Geisteswissenschaften gefördert – dies aber unabhängig der Neigungen und Fähigkeiten. Die grössere Vertrautheit mit den jeweiligen Bereichen begünstigt eine Studiengangswahl in eben diesen. Gerade bei Frauen* kann festgestellt werden, dass sie sich einen naturwissenschaftlichen Studiengang eher weniger zutrauen als einen geisteswissenschaftlichen.

Weibliche Studiengänge?

Die spezifische Verteilung der Geschlechter* in den Studiengängen kann sogar so weit gehen, dass ein Studienfach als „weiblich*“ bzw. „männlich*“ bezeichnet wird und  deshalb Männer* und Frauen* vor einem als „weiblich*“ bzw. „männlich*“ bezeichneten Studiengang zurückschrecken können. Diese Bezeichnungen können letztendlich dazu führen, dass „weibliche*“ Studienfächer im Gegensatz zu „männlichen*“ Studienfächern abgewertet werden, wie dies auch in der Berufswelt beobachtet werden kann.[5][6]

Vertikale Segregation

Der Zusammenhang der Horizontalen Segregation mit der vertikalen Segregation liegt auf der Hand. Studieren weniger Frauen* bzw. Männer* in einem Studiengang, ist auch der Pool an wissenschaftlichem Nachwuchs kleiner.[7] Die vertikale Segregation wirkt sich insofern auf die horizontale aus, indem es den Studierenden in vielen Studiengängen an Vorbildern und MentorInnen ihres eigenen Geschlechts* fehlt.

Geschlechterrollenzuschreibung

Auch innerhalb der Studierendenschaft lassen sich negative Auswirkung auf die/den EinzelneN feststellen. Zu den wenigen Männern* bzw. Frauen* in einem Studiengang zu gehören kann erstens grossen Mut erfordern und zweitens Auswirkungen auf die Geschlechterrollenzuschreibung haben. Mit dem sogenannten Token Status wird das Phänomen beschrieben, dass von Frauen* bzw. Männer*, die sich in der Minderheit befinden, die Erfüllung ihres jeweiligen Stereotyps erwartet wird. Sie können zunehmend in die stereotype Geschlechterrolle gedrängt werden, die ihnen nicht entsprechen muss.[8] Nimmt der Anteil der Männer* bzw. Frauen* zu, spiegelt sich das auch in der Diversität der Geschlechterrollen wider.

Fachkräftemangel

Die Auswirkungen der Horizontalen Segregation zeigen sich jedoch nicht nur an der Hochschule selbst, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt – und das gerade in einer Zeit, in der es an Fachkräften mangelt. Die Schweizer Wirtschaft klagt derzeitig über den sich abzeichnenden Fachkräftemangel insbesondere in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Auch die Personalverbände weisen je länger je mehr auf die durch Personalmangel hervorgerufenen Probleme im Gesundheitsbereich hin. Von Seiten der Kantone werden diverse Initiativen ergriffen, um dem LehrerInnenmangel entgegenzuwirken bzw. diesen zu verhindern. Analog zu den Hochschulen führt auch auf dem Arbeitsmarkt eine geschlechterspezifische Studienwahl zu einem kleineren Pool an Fachkräften bzw. das Potential von möglichen Fachkräften wird nicht vollständig ausgenutzt.

Massnahmen der Hochschulen

Mittlerweile wurde auch an den Hochschulen erkannt, dass der horizontalen Segregation Einhalt geboten werden muss. Viele Hochschulen organisieren Anlässe, um Frauen* und Männer* über „geschlechtsuntypische“ Studiengänge (so zum Beispiel im Rahmen der Zukunftstage) zu informieren. Gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel wird gezielt versucht Frauen* für ein MINT-Studium zu begeistern – die ETH Zürich hat sogar ein MINT-Spiel entwickeln lassen[9]. In Hinblick auf die Studienwahl schätzen die Hochschulen ihren eigenen Spielraum allerdings klein ein, da die Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Studiengang schon gefällt wurde bzw. kein Einfluss auf die durch die Gesellschaft sozialisierten Geschlechterrollen genommen werden kann. Es wird also in Kauf genommen, dass es sich bei der heutigen Studienwahl nicht um eine echte Wahlfreiheit handeln muss.

Die Commission d’Égalité (CodEg) des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) setzt sich dafür ein, dass Wissenschaft und Forschung jedweder Studienfächer allen, unabhängig vom Geschlecht, zugänglich ist. Es geht nicht darum, dass ein möglichst ausgeglichener Geschlechteranteil erreicht wird, sondern darum, dass eine echte Wahlfreiheit in Bezug auf den Studiengang gewährleistet werden kann. Dies bedingt, dass die durch die Gesellschaft sozialisierten Geschlechterzuschreibungen überwunden werden müssen.

Dazu müssen die Fähigkeiten und Neigungen von Frauen* und Männern* erkannt und gefördert werden – dies auch in der Hochschule. Es bedarf zudem einer grösseren Sensibilisierung um geschlechtsspezifische Entscheidungen vorzubeugen und eines gemeinsamen Efforts von Öffentlichkeit, Bund, Kantonen, Hochschulen und Studierendenschaften, um die Situation verändern zu können.

 

[3] MINT Fächer ist eine Sammelbezeichnung für Studienfächer in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

[5] Siehe dazu: Heintz, Bettina: Ungleich unter Gleichen. Studien zur geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes. Frankfurt a.M.: 1997.

[6] Diese Abwertung eines Studiengangs kann analog zur Berufswelt auch weitere Einschränkungen vor allem für Frauen* nach sich ziehen. So kann beispielsweise analog zur schlechteren Entlöhnung in Bereichen, in denen mehr Frauen* arbeiten, auch auf die als «weiblich*» bezeichneten Studiengänge und ihre späteren Berufsfelder übertragen werden.

[7] Wird die vertikale Segregation näher betrachtet, zeigt sich aber, dass vor allem Professorinnen* auch wenn sie in einem Bereich mit vielen Studentinnen* forschen, untervertreten sind – so lehren und forschen in der Veterinärmedizin an der Universität Bern 25% Professorinnen*, obschon rund 80% Studentinnen* studieren. (http://www.rektorat.unibe.ch/unibe/rektorat/unistab/content/e362/e208065/e231691/e231693/20bPersonennachPersonalgruppenundGeschlecht2012.xls und http://www.rektorat.unibe.ch/unibe/rektorat/unistab/content/e362/e208065/e208066/e211273/4FrauenanteilStudierende2012.xls)

[8] Vergleiche dazu: http://www.nhh.no/files/filer/adm/personal/likestilling/mosskanter.pdf