Mauro Dell’Ambrogio liess heute über 20 Minuten online verlauten, das aktuelle Ausgleichsbeitragssystem der kantonalen Hochschulen sei verfehlt und intransparent[1]: Hochschulen mit tiefen Studiengebühren würden anderen Hochschulen die Gelder ungerechtfertigterweise entziehen, indem sie die Studierenden geradezu aufforderten, zu parasitären LangzeitstudentInnen zu werden.  Der VSS ist über die Aussagen des höchsten Schweizer Bildungsbeamten konsterniert: Die implizite Forderung nach höheren Studiengebühren sowie eine derartig unzulängliche Argumentation des Staatsekretärs für Bildung, Forschung und Innovation wirft kein gutes Licht auf den Bildungsstandort Schweiz.

Dell’Ambrogio stellt in seinem Interview mehrere Behauptungen auf, ohne sie zu belegen. Nicht nur konstruiert er einen Zusammenhang zwischen tiefen Studiengebühren und Langzeitstudierenden. Er ist überdies auch der festen Überzeugung, dass die Hochschulen von diesen Langzeitstudierenden geradezu überschwemmt werden. Dies entspricht in keinster Weise den Tatsachen: Im Durchschnitt wird ein Studium innerhalb von 6 Jahren abgeschlossen. Die Behauptung, dass immense Beträge an Hochschulen mit tiefen Studiengebühren fliessen, weil sie zu viele Langzeitstudierende haben, entbehrt somit jeglicher Grundlage. Auch die angebliche Intransparenz der Geldflüsse ist eine Erfindung des Staatssekretärs. Wir weisen deshalb gerne darauf hin, dass tatsächlich interkantonale Verträge existieren, die detailliert regeln, wie die Gelder verteilt werden[2].

Dell’Ambrogios Ziel scheint zu sein, möglichst viele Leute davon abzuhalten, ein Hochschulstudium aufzunehmen. Seine elitistische Vorstellung der Hochschullandschaft möchte nur Personen mit dickem Portemonnaie zum Studium zulassen. Studiengebühren wirken sozioökonomisch selektiv und stellen eine finanzielle Zugangshürde zur Hochschulbildung dar. Der VSS ist klar der Ansicht, dass nicht nur Kinder reicher Eltern an die Hochschulen gehören. Derzeit kommen die meisten Studierenden aus AkademikerInnenfamilien mit gutem finanziellem Hintergrund. Ausserdem hat die Schweiz, gemessen an der Bevölkerungszahl, einen sehr geringen Anteil von Studierenden[3]. Nimmt man die Forderung der Wirtschaft nach mehr und besser ausgebildeten Fachkräften ernst, kann man sich nicht für eine Senkung der Studierendenzahl aussprechen. Vollkommen unhaltbar ist es jedenfalls, die soziale Durchlässigkeit erneut einzuschränken, indem man Personen aus schwierigen finanziellen Verhältnissen eine weitere Last auferlegt.

Manuela Hugentobler, Vorstandsmitglied des VSS sagt: „Dem Staatssekretär fehlt offensichtlich die Vision für die Bildungslandschaft Schweiz, wenn er meint, die Produktivität einer Gesellschaft lasse sich mit möglichst kurzen Studienzeiten erreichen. Wir möchten daran erinnern, wozu Bildung eigentlich dienen soll: Die Menschen zu kritischen, selbständig denkenden StaatsbürgerInnen, WissenschaftlerInnen, Arbeitnehmenden und UnternehmerInnen heranzubilden.” Eine Gleichschaltung der Wissensvermittlung und die Umwandlung von Hochschulen in Fabriken ist der falsche Weg. Hochschulen müssen ein Raum des freien Denkens und der Entwicklung von Ideen bleiben – Innovation lässt sich nicht produzieren.

Der VSS fordert Herrn Dell’Ambrogio umgehend auf, seine Aussagen zu überdenken, sich für eine genügende öffentliche Finanzierung der Hochschulen einzusetzen und eine Vision einer chancengleichen Hochschullandschaft Schweiz zu entwickeln.

Für Chancengleichheit und gegen sozioökonomische Ungleichbehandlung an den Hochschulen – Weil Ausbildung Zukunft schafft!


[2] Die Interkantonale Fachhochschulvereinbarung vom 12. Juni 2003 (FHV) sowie die  Interkantonale Universitätsvereinbarung vom 20. Februar 1997 (IUV).

[3] 2011 waren 206’000 Studierende immatrikuliert.